06.12.2016 / 17:00 | Aktuelle Mondphase: zunehmender Mond

Ultralight-Spinnfischen I: Warum eigentlich UL?

Was jetzt kommt, ringt manchen Angeln noch ein müdes Lächeln ab: Köder von 2 bis 5 Zentimetern Länge, Bleiköpfe im Gewicht von 0,8 bis 3 Gramm, Schnüre mit 2 kg Tragkraft, Ruten mit Wurfgewichten von 1 bis 6 Gramm und dazu 1000er Rollen. Nein. Das ist nichts für ausgewiesene Großfischjäger! Im Schnitt fängt man beim UL-Angeln eher kleine und mittlere Fische. Und trotzdem investieren die Hersteller Jahr für Jahr immer mehr Entwicklungszeit, um die Fans der feinen Angelei mit immer besserem Gerät zu versorgen. Jenseits von allen anglerischen Optionen, die das feine Tackle eröffnet, üben die modernen UL-Ruten, die superleichten Minirollen und die filigranen Köder eine Faszination auf den technikaffinen Teil der Spinnangler-Community aus, die die UL-Anhängerschaft jährlich wachsen lässt.

Phasenweise ist das Kleinköderangeln der einzige Schlüssel zum Fisch – auch zu den großen Exemplaren. Doch die meisten UL-Fans eint eine Abkehr vom Ehrgeiz, unbedingt große Fische fangen zu müssen. Hier geht’s nicht darum, die letzten Energien zu mobilisieren, um im Winter den kapitalen 1 Uhr-Nachtzander zu erwischen oder sich den Arm auszukugeln, um den 20-kg-Hecht mit einem halben Meter Gummiwurm am Stück klarzumachen. Es geht in erster Linie um Spaß.

1-ul-barsch
Hauptzielfisch der UL-Angler ist sicherlich der Barsch.
Ab und an vergreifen sich aber auch Friedis an den kleinen Ködern.
Ab und an vergreifen sich aber auch Friedis an den kleinen Ködern.

Was da beißt, ist erstmal sekundär. Aber auch spannend. Denn mit der UL-Rute und kleinen Gummis lässt sich so gut wie jeder Fisch fangen, weil fast alle Fische Fischlarven, Minikrebse und Insekten fressen, die wir mit kleinen Twistern, Creatures, Krebsen, Action- oder No Action-Shads, Wobblern, Poppern, Blinkern oder Spinnern imitieren.

UL-Gummi-Box von unserem Moderator Desperados.
UL-Gummi-Box von unserem Moderator Desperados.

Das geht bei den Raubfischen vom Minibarsch bis zum kapitalen Wels und bei den Friedfischen von der Laube bis zum Großkarpfen. In Gebieten, in denen die jeden grundnah präsentierten Köder attackierende Grundel den Spinnanglern das Leben schwermacht, drehen viele Angler den Spieß um und kaufen sich ultrafeine Grundelruten, um diese invasive Spezies mit kleinen Gummis zu beangeln.

1-grundel
Desperados mit Grundel.

Es ist aber nicht nur die Freude am feinen Gerät und das extreme Zielfisch-Spektrum (das es ja eigentlich nicht gibt, weil ja alles beißen kann), die den UL-Hype pushen. Vielen Anglern ist es wichtiger WIE sie die Fische fangen als deren Größe. Da eröffnen sich auf dem Finesse-Sektor unzählige Möglichkeiten, die Köder zu montieren. Nicht nur dass sich die Angler immer neue Montagen ausdenken. Auch die Accessoires werden immer besser. Wo man früher mal die Wahl zwischen einem Stabblei und einer Kugel hatte, gibt’s jetzt Dropshot-Bleie in allen möglichen Formen und Farben. Aus Blei oder Tungsten. Dazu die verschiedenen Hakenformen, mit denen man sich auf jeden Ködertyp einstellen kann – wenn man das will. Unglaublich groß ist aber auch das Angebot an Finesse-Jigs, die unterschiedliche Köderführungsstile unterstützen, so dass das Finesse-Jiggen zu einer wesentlich präziseren und auch überzeugenderen Angelegenheit wird, als das schlichte Faulenzen oder Anreißen eines 15-Gramm-Kopfes. Wer sich in die Materie reindenken will, kann das bis ins letzte Detail tun und wird immer wieder neue kleine Features in den Angelläden und Online-Shops finden, die die Sache weiter optimieren.

Ein Freudenquell für den Finesse-Spezi ist auf jeden Fall auch der Zukauf von neuen Ködern. Nicht nur dass hier unsere Sammelleidenschaft befeuert wird. Schon allein die Sortimente der japanischen Gummigießereien Keitech und reins bieten so viele verschiedene Ködertypen, die es auszuprobieren gilt, dass man erstmal eine Weile zu tun hat, bis man die allerbesten Köder fürs Hausgewässer oder eine spezielle Methode herausgefunden hat.

Kleiner Zetti auf den kleinen Rockvibe Shad.
Kleiner Zetti auf den kleinen Rockvibe Shad.

Neben der Freude am Spielzeug gibt’s aber auch zwei angelpraktische Gründe für den Siegeszug der Filigranfischerei. Beide korrelieren zumindest teilweise miteinander und sind eigentlich eher unerfreulich. Ich meine die Aufklarung der Gewässer und den Rückgang der Fischbestände. Während sich Naturschützer und so ziemlich alle Wassersportler an den immer größeren Sichttiefen und der Verbesserung der Wasserqualität erfreuen, hat der niedrigere Nährstoffgehalt zur Folge, dass den Jungfischen weniger Plankton zur Verfügung steht. Schwarzseherisch könnte man die These in den Raum stellen, dass die Entnahme von Fischen durch Angler, Fischer und sonstige Fressfeinde immer größere Auswirkungen auf unsere Bestände haben wird, weil nicht mehr so viel Fisch nachkommt. Was zu beweisen wäre. Fakt ist aber, dass die Raubfische im klaren Wasser besser sehen und die Zeiten vorbei sind, in denen man einen knallgelben Twister am grünen Stahlvorfach mit der Aussicht auf einen Fangerfolg präsentieren konnte. Je klarer das Wasser, desto dramatischer wirken sich eine lebensechte Präsentation, lebensechte Köder und dünne Schnüre auf das Fangergebnis aus.

UL-Rapfen aus der Spree. Das geht ab!
UL-Rapfen aus der Spree. Das geht ab!

Meine Kumpels aus der Schweiz fischen seit Jahren nur noch ultralight in ihren klaren Alpenseen und fangen beispielsweise mit einem in 18 Meter Tiefe hinterm 10-Gramm Tungsten Bullet Weight angebotenen Yamamoto-Wurm in Green Pumpkin oder mit mattlackierten 7 Gramm Straight Head Jigs und geflavourten No Action-Shads Fische, von denen die meisten Bergseefischer nur noch träumen.

In Großstädten und angeltouristisch erschlossenen Gebieten kommt zum klaren Wasser noch der große Angeldruck. Spinnfischen ist modern. Weil man sich mal eben eine Rute und ein paar Köder schnappen kann, um nach Feierabend oder vor der Arbeit die Hotspots abzulaufen, gibt’s immer mehr Spinnfischer. Irgendwann sind das sicher mehr als Ansitzangler. Wenn den Fischen auf ihren bevorzugten Standplätzen Tag für Tag die Bleibomben um die Ohren fliegen, dauert es nicht lange, bis sie die Köder meiden oder gänzlich flüchten. Jetzt braucht man ein Arsenal an Methoden und Ködern, die man nacheinander austestet und wechselt, sobald System A oder Köder B nicht mehr funktioniert. Klingt spannend, oder?

Im nächsten Teil der Serie zum Ultralight-Spinnfischen werden wir konkreter. Dann wird’s um die Hardware gehen.

21 Kommentare zu Ultralight-Spinnfischen I: Warum eigentlich UL?

  1. Ist auch spannend. Hinzu kommt, was keiner, der bestimmte Köder hypen will, vielleicht gerne hört/liest, daß man sich aus abgelegten Gummifischen Kleinstköder selber schnippeln kann und zwar nach eigener Nase. Auch die fangen… Noch viel mehr Spass macht das Ganze an/mit der Baitcaster. Mit viel Übung und der richtigen Rolle sind Köder ab 1 g möglich…

  2. Zitat: „…technikaffinen Teil der Spinnangler-Community…“, „… Freude am Spielzeug …“
    Warum fühle ich mich hier direkt angesprochen?

    Wieder ein schöner Artikel, da finde ich mich wieder 😉

    André

  3. Die Amis fischen seit Ewigkeiten mit selbst gebundenen Jigs z.T. weit unter 1gr auf Panfish. Das ist ein Heidenspaß und läßt sich gut auf Weiß- und Plattfisch, aber auch auf Makrele und Meerforelle übertragen. Gerade an der Ostsee -Stichwort light rock fishig – macht es Sinn das Gerät an die Fischgröße anzupassen, ein 45cm Hafendorsch erfordert keine 80gr Rute. Selbst frisch gesetzte Teichforellen machen Spaß und reagieren viel besser auf 1gr Micro-Propeller-Jigs („Boolies“) als auf die größeren Köder aus der Bachfischerei.

  4. …und manche setzen noch einen drauf, stellen das UL-Tackle weg und nehmen gleich die Fliegenrute. Witzigerweise gilt auch dort alles was hier im Bericht gesagt wurde 🙂

  5. Mag für vieles stimmen- aber ein Freund aus der Schwiz musste beim letzten Besuch auch feststellen, dass man mit den Schweizer-Barsch-Methoden und Ködergrößen im Nordosten Deutschlands nicht unbedingt besser fängt – sondern mit der groben 10cm Gummi/10g Kopf/ 7kg Stahl Kombi abgezockt werden kann.

  6. Du kannst ja umgekehrt mal bei uns in der Schweiz probieren, einen Barsch mit 10cm Gummi am 10g Kopf und 7kg Stahl zu fangen… good luck 😉

  7. Theoretisch klingt das Ganze ja sehr reizvoll. Praktisch habe ich 2 Probleme: Auf den von mir befischten Seen mit gutem Barschbestand in Schleswig-Holstein habe ich vom Boot aus nur bei (relativer) Windstille (ist leider sehr selten) und im Flachen (hier stehen die Fische nur im Frühsommer) vernünftigen Köderkontakt zu den Mikrobaits – trotz abgestimmtem Gerät. Und wenn ein Hecht vorbeischaut, ist der Spaß in der Regel sowieso vorbei…leider für den Fisch. Anders gefragt: Funktioniert bei Euch die UL-Fischerei auch in tieferen Regionen und bei Wind?

  8. Ich finde es skurill wie konsequent sich viele Bootsangler gegen Driftkontrolle wehren – und dann rumjammern dass sie >30gr brauchen um Grundkontakt zu halten. Der Black Cat Drift Bag XXL kostet 35 Euro und bremst mein Kajak selbst bei 4bft auf unter 0,5 Knoten. Damit kann ich in der Förde und auf dem Wittensee 6gr Jigs 14m tief kontrolliert anbieten. Mit dem richtigen Gerät rechne ich 0,5gr pro Meter Wassertiefe.

  9. Auf dem Wittensee sind wir tatsächlich auch unterwegs. Letztens gabs bei ner 3 aus West mit den Booten vom Fischer trotz Anker kein Halten mehr…Aber danke für die Anregung!

  10. Ich fische auch des Öfteren leicht und klein. Fängt in stark überfischten Gewässern oft noch den ein oder anderen Fisch, der das Standardrepertoire schon zur Genüge kennt. Aber eines ist auch Fakt: Waidgerecht ist das oftmals nicht! Fischerverluste und Abrisse von größeren Fischen sind nicht gerade selten. Und jetzt komm mir bitte niemand mit dünnem 3-4kg Stahl etc. Das knackt ein richtig guter Hecht nach 2-3 Mal schütteln und knicken, auch ganz schnell. So ehrlich sollte man dann halt auch sein. Das schließt mich selbst mit ein.

  11. Ich liebe UL! Der Artikel ist schön geschrieben und wurde meinen Lesern natürlich auch sofort wärmstens empfohlen!

  12. warum gehen denn immer mehr Leute Spinnfischen? Wenn niemand mehr was fängt müsste ja eigentlich der gegenteilige Effekt einsetzen!?

  13. Schöner Bericht, UL macht einfach viel mehr Sinn als so mancher Denkt. Das es nicht Waidgerecht ist finde ich ganz und garnicht. Auch ein großer Hecht zersprengt dir kein 3-4kg Titan an entsprechender Rute. Wenn alles gut abgestimmt ist ensteht garnicht genug Belastung um abreißen zu können. Grosse Fische am UL-Gerät erfordrn natürlich etwas mehr Feingefühl als der gleiche Fisch an einer 60gr Rute.

  14. UL ist besonders in kleineren Gewässern, Kanälen etc. sehr reizvoll und macht dort richtig Spaß. Man erreicht viele Gewässerbereiche, da die Entfernungen einfach kleiner sind als an einem großen See oder Fluss, und ich zuppel lieber nen kleinen Barsch an UL als keinen Fisch an schwerem Gerät. Und bis zu einer gewissen Grenze kann man sich stärkeren Wind auch zunutze machen 😉
    Und ja, auch dickere Klopper sind mit UL beherrschbar, wenn die Bremse gut eingestellt ist. Allerdings, nen Hecht möchte ich nicht ans UL-Band bekommen. Stahl passt m.E. nicht in das Gesamtkonzept der Ultra Light-Angelei.

  15. ich habe am WE auch mal die UL Angelei probiert, Jigkopf mit 3g , Power Pro schnur 6 lb un als Rute ein Daiwa Megforce 1-9 gramm.
    Beim Auswerfen hatte ich ständig Perücken auf der Rolle, sollte man monofile Schnur nehmen( Gewäsertiefe bis 8 Meter )
    audi170

  16. Tüddelprobleme mit der PowerPro bzw. mit Geflecht? Kann ich nicht nachvollziehen. Einfach den Schnurfangbügel manuell umklappen. Dann wars das mit dem Tüddel.

  17. Das Tüdeldilemma tritt eigentlich nur dann auf , wenn mit dieser Kombo auch Hardbaits animiert werden, insbesondere eine sehr (dünne)weiche Geflochtene und Toppies haben mich dieses Jahr fast in den Wahnsinn getrieben. Ich denke weiterhin , dass die 1000er Aspire FA ihren Anteil daran hat. Irgendwann reiß ich ne Lage der Schnur hoch ( Sunline Small Game , also echt kein Billig Schnürchen) und ner unlösbaren Aufgabe kann man sicher sein . Bei Jigs auffalllend seltener , und !!- insofern hat Hannes da was die PP angeht sicher recht . Mit der ist mir das sowohl bei 10 u. 12 lbs nie passiert. Momoi , Stroft und die Small Game sind leider nicht sehr alt geworden , Schade , aber so geht in vielerlei Hinsicht die Reise Richtung Mono bzw. FC.

    Grüße Morris

  18. Den Perücken beim leichten Spinnfischen mit der Statio bin ich auch lange hinterher gerannt bis ich raus gefunden habe woran es liegt. Insbesondere weiche geflochtene (daher erstaunlich das es mit der PP passiert) neigen dazu, sich beim umlegen, op manuel oder mechanisch des Schnurfangbügels über den Spulenrand zu legen. Dummerweise passiert das aufgrund der Handhabung zu 99% am unteren Spulenrand, so dass man es nicht sieht wenn man nicht explizit darauf achtet. Es ist eigentlich kaum vorstellbar wie oft das eigentlich passiert ohne dass wir das bemerken. Ich habe dazu bei mehren tausend Würfe vor jedem Wurf die Schnurverlegung kontroliert. Sehr oft passiert es wenn man die leichten Baits auswirft und mit nicht Rute haltenden Hand die Schnur abbremst. Meist wird dann auch in einem Zug der Schnurfangbügel mit umgeklappt. Dieses verhalten sorgt besonders oft dafür das man die Schnur quasi selbst um den unteren Spulenrand legt. Beim nächsten Auswurf passiert es dann dass diese Schnurschlaufe zu früh abgezogen wird von der Spule und schon hat man einen wunderbaren Tüddel. Beste abhilfe ist nicht eine andere Schnur oder Rolle oder Rute sondern das eigene verhalten zu ändern.

  19. Schöner Artikel. Ich ziehe nach Feierabend auch oft mit der UL und Kleinködern an unsere klaren Baggerseen los – letztmalig gestern Abend. Die mittlere und schwere Spinnrute verstauben so langsam im Keller …..
    So, jetzt noch den zweiten Teil lesen 🙂

  20. Yeah, ein UL Artikel! Super geschrieben und gerade das UL Repertoire sollte man auch auf der Jagd nach den ganz großen Barschen auf keinen Fall vernachlässigen. Funktioniert gerade da, wo man eigentlich nicht UL fischen würde am besten 🙂

  21. Toller Artikel!
    Ich fische jetzt ab Herbst auch wieder verstärkt mit leichtem Geschirr auf Barsch.
    Dennoch bleibt bei mir das ungute Gefühl, dass jederzeit große Räuber einsteigen können und mit Sicherheit auch werden. Und dann stehen die Chancen auf eine (zügige) Landung eher schlecht.

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