Silberdebüt

Silberdebüt

In Anglerkreisen ist es ja inzwischen ein geflügeltes Wort, “Fisch der tausend Würfe”, und doch sieht man sie in allen einschlägigen Fachzeitschriften, auf Internetseiten und glaubt man den Erzählungen der Kollegen, so haben diese auch alle schon eine 70er oder 80er gefangen.

Es war Anfang März, als ich nach Rügen fuhr, um dem Mysterium Meerforelle auf die Spur zu kommen. Eine 70er sollte es sein, nein, besser noch eine 80er, um endlich mitreden zu können! Es war ungewohnt, über den Sund zu fahren und nicht das Barsch-, Zander- oder Hechtgeschirr im Kofferraum zu haben. Statt dessen hatte ich eine 5mm Wathose samt den dazugehörigen Schuhen, zwei voll parabolische Spinnruten und eine spärlich bestückte Dose mit den gängigsten Meerforellenblinkern und Wobblern dabei, deren Zusammenstellung im Berliner Angelfachgeschäft bereits die erste Herausforderung  war.

Welche Köder kaufen, wenn man keine Erfahrungswerte besaß!? Zu lesen war überall von schwarz-roten Mustern, also drei vier Stück davon, und da die Heringe kurz vor Ihrem Einzug in den Greifswalder Bodden standen noch ein paar  silber-blaue und silber-grüne Muster in den Einkaufskorb. Wie sich später herausstellen sollte, lag ich mit meiner Gewichtsauswahl von 18-28Gramm genau richtig.

Die Windprognosen sagten Nordwestwind der  Stärke 4 – 5 Voraus. Die Ostseite der Insel schien mir daher die geeignete und so war mein erstes Ziel der Tiessower Haken, der der südöstlichstse Zipfel der Insel ist und den Übergang der offenen See  zum Greifswalder Bodden  markiert. Vom Hechtangeln kannte ich die meist windige, aber durch Ihre Strömungskanten fischreiche Landzunge und war schon auf dem Parkplatz beim Anlegen der gefühlten hundert Schichten voller Erwartungen. Als ich am Wasser ankam erwartete mich 
eine fast spiegelglatte Ostsee. Die Sonne schien zu eisigen Temperaturen und über dem Festland hing eine dünne hier und da aufgerissene Wolkendecke. Nervös montierte ich einen der besagten schwarz-roten Blinker und pfefferte den ersten Wurf gen Horizont. Zügig holte ich ein und gefächert folgten Wurf Nummer 2., 3., 4.  usw.

Ich konnte es mir nicht verkneifen die ersten 30 Würfe mitzuzählen. Doch ich erkannte rasch, dass ich es ohnehin nicht bis zum 1000. durchhalten würde, ich den 1000. Wurf an diesen beiden Tagen, die ich Zeit hatte, wahrscheinlich eh nicht vollenden würde.

Nach etwa 3 Stunden ohne Kontakt, aber dafür kalten Fingern, ging es weiter nach Sellin. Der Wind hatte inzwischen etwas gedreht und pustete recht kräftig aus Nordost. Die Steinpackungen um die Seebrücke herum hatte ich von früheren Besuchen  als fischverdächtig in Erinnerung. Dort angekommen watete ich rasch bis an die erste Kante nur ein paar Meter links neben der Seebrücke. Die Steinpackung, welche die Stützenkonstruktion  der Seebrücke vor der offenen Brandung der Ostsee schützt liegt in Wurfweite und die Wassertiefe fällt hier rasch auf 4 – 5 Meter ab. Es sammelte sich eine Menge Seegraß und anders Treibgut, welches auf  ein reichhaltiges Nahrungsangebot schließen ließ. Bei einer kurzen Inspektion  vor Angelbeginn konnte ich von oben auf der Seebrücke viele Kleinfischschwärme beobachten, welche um die Betonpfeiler herum standen. Alles in allem also eine viel versprechende Stelle. Und tatsächlich, nach etwa einer halben Stunde riss mich ein kräftiger Ruck in der Rute aus meinem Schlummerzustand, dem man schnell beim lauschen der anbrandenden Wellen verfällt. Für einen Anhieb blieb keine Zeit, denn es folgte umgehend eine kurze Flucht Richtung Steinpackung, dann erschlaffte die Schnur. Irgendwie war ich darüber nicht unglücklich, denn immerhin wusste ich nun, dass ich an der richtigen Stelle fischte, wenngleich ein gelandeter Fisch immer schöner ist als ein verlorener. Also fischte ich weiter. Wurf auf Wurf, Stunde um Stunde, doch es tat sich nichts mehr.

 

Es war fast dunkel, und ich stapfte inzwischen doch etwas wehmütig ob des verlorenen Fisches an Land. Immerhin hatte ich etlichen Touristen in den knapp 4 Stunden, die ich an der Seebrücke zugebracht hatte, als Fotomotiv gedient.

Am nächsten Tag hatte sich an der Wetterlage nicht viel geändert. Die Sonne schien und der Wind kam unverändert aus Nordost. Ich fuhr nach Lohme, wo es laut des Verkäufers im Bergener Angelladen in letzter Zeit gut biss. Schon beim ersten Blick oberhalb des kleinen Hafens war klar, dass der auflandige Wind das Werfen nicht grade leicht machen würde. Auf der anderen Seite sollte auflandiger Wind ja gut für die Fischerei auf Meerforelle sein. Also schnell runtergekraxelt auf die Steinpackung  rauf und  los ging es. Das Wasser war von der angrenzenden Kreidesteilküste leicht eingetrübt, hatte aber noch eine Sichtigkeit von etwa einem Meter. Es folgte ein Harter Kampf. Nicht etwa mit der 80er sondern mit der gischtigen Brandung und  dem auf der Mole ungebremsten Wind.

Gegen Mittag ließ der Wind etwas nach, was das Werfen deutlich erleichterte. Der ersehnte Fischkontakt blieb jedoch aus. Ich ging ein Stück vom Hafen weg nach links – ! Achtung rechtseitig beginnt ein Naturschutzgebiet! Für das Waten empfehle ich hier einen Watstock, den ich natürlich nicht dabei hatte, es folgte also eine Zitterpartie über die im trüben Wasser schwer auszumachenden, teils kubikmetergroßen Steine. Auch meine artistischen Höchstleistungen wurden nicht belohnt und so entschloss ich mich, auf die gegenüberliegende Seite der großen Bucht zu begeben, wovon ich mir ein etwas windgeschützteres Angeln und etwas klareres Wasser versprach.

Der Küstenabschnitt welcher bei Juliusruh beginnt und sich nach Norden erstreckt entsprach genau meiner Traumvorstellung einer Meerforellenstrecke, der viel gelobte Leopardengrund wechselt sich hier mit kurzen Sandabschnitten ab, dazwischen gucken immer wieder große Steine aus dem Wasser. Das Waten ist  durch den feinen Sand zwischen den  Seegraßfeldern ein Kinderspiel. Die Wassertiefe beginnt gleich am Ufer welches aus Ei großen Steinen besteht bei 60-70cm und fällt dann ganz gemütlich auf 1,5 m – 2,5 m ab. Man kann also locker 20 – 30 Meter ins Meer waten, hat aber auch vom Ufer aus schon  eine fängige Wassertiefe von 1 m – 1,5 m in Wurfweite.

Auch bezüglich des Windes hatte sich meine Vermutung bewahrheitet. Lediglich  Miniwellen kräuselten die Wasseroberfläche und das Wasser war Kristallklar. Ich war auch nicht der einzige, der diesen Plan hatte. Sechs Angler standen bereits im Wasser und gaben alles. Und nur wenige Minuten später flog auch mein Wobbler wieder. Hier machte es wirklich Spaß und die Gesellschaft anderer (erfolgloser) Angler motivierte einen zusätzlich. Es waren etwa 1 ½ Stunden vergangen, als ich nach rechts blickte. Es hatte sich ein  weiterer Angler dazu gesellt, ohne Wathose, Kescher und auch sonst wie ein Zivilist gekleidet. Er stand genau dort, wo ich wenige Minuten zuvor noch geangelt hatte, bloß, dass seine Rute nun zu einem ordentlichen Halbkreis gebogen war. In 20 m Entfernung zum Ufer sah ich einen ersten Schwall an der Oberfläche. Das war was Lebendiges und kein Seegraß, wie ich es bei jedem Dritten Wurf von meinem Wobbler pflücken durfte. Ich stiefelte aus dem Wasser und noch während ich auf dem Weg zu dem Kollegen war, um ihm bei der Landung des Fisches zu helfen, hatte er diesen kurzerhand aufs Ufer gezogen. Da lag er zappelnd, ein  gut 75 cm langer Lachs! Es folgte noch ein kerniger Spruch des Einheimischen, der in die Richtung  “die dümmsten Bauern fangen die größten Fische” ging, dann gab er dem Fisch mit einem der Steine eins über den Schädel und ging zufrieden heim. Das Ganze ging so schnell, dass nicht mal die Zeit blieb, ein Beweisfoto zu schießen – ich bitte das hiermit zu entschuldigen.

Angespornt watete ich zurück ins Wasser, diesmal aber nicht ganz so weit, im Hinterkopf, dass der Einheimische seinen Fisch vom Ufer aus gefangen hatte! Es dämmerte inzwischen und eigentlich hatte ich schon daran gedacht, langsam abzubrechen. Doch nun wollte ich es wissen. Ein kurzer Blick nach links und auch dort bog sich schon wieder eine Rute! Gekeschert wurde eine über die Entfernung geschätzt etwa 45 – 50 cm lange Meerforelle. Meinen nächsten Wurf platzierte ich parallel zum Ufer zwischen die großen Steine.  Ein paar Kurbelumdrehungen, und da war er. Biss! Sofort schoss der Fisch auf einen jener Steine zu, von dessen Erreichen ich ihn jedoch rechzeitig abringen konnte. Schnell hatte ich den Fisch vor den Füßen, kein Riese, aber egal, eine Meerforelle und bestimmt nicht der tausendste Wurf 😉 ! Als klarer Verfechter der Handlandung stand ich nun aber vor einem Problem – wie immer ohne Kescher unterwegs schoss der Fisch vor meinen Beinen hin und her. So was kannte ich nicht, weder vom Hecht, der sich irgendwann auf die Seite legt, noch von der  Bachforelle oder Äsche, die auch irgendwann aufgeben und sich am Bauch oder Nacken greifen lassen. Irgendwie bekam ich sie aber letztlich doch zu greifen.

Yeaaah!!! Da war sie, 57 cm und gut genährt. Schnell zwei drei Fotos und dann ging es zurück ins Wasser.

Hoch zu Frieden machte ich noch drei Würfe und beendete dann ein schönes Wochenende mit einem hart erarbeiteten Fisch. Die Meerforellenfischerei ist sicher die schwierigste hierzulande, entlohnt aber mit tollen Natureindrücken und manchmal wunderschönen Fischen, gegen die es Hecht und Co schwer haben anzukommen.

Kategorien: Fangberichte

Kommentare

  1. BenM.
    BenM. 30 April, 2008, 12:36

    klasse bericht , tolle fotos ,schön! 😉

    Petri zur Mefo!

  2. minden
    minden 30 April, 2008, 12:43

    …schöner Bericht und klasse das du letztlich noch belohnt wurdest,…..und dafür auch noch deinen Fisch belohnt hast ❗ 😉

    [quote]Yeaaah!!! Da war sie, 57 cm und gut genährt. Schnell zwei drei Fotos und dann ging es zurück ins Wasser.[/quote]

  3. leoseven
    leoseven 30 April, 2008, 12:56

    nette story 🙂 petri heil!

  4. Clausen
    Clausen 1 Mai, 2008, 10:26

    klasse Fotos, klasse Story 😀 – danke für den kurzweiligen Bericht!
    Gruß Claus

  5. godfather
    godfather 1 Mai, 2008, 10:38

    herzlichen glückwunsch zur ersten mefo! 😀

    und danke für den tollen bericht dazu! 😀

  6. Pitpearch
    Pitpearch 1 Mai, 2008, 13:27

    Wow. echt klasse bericht mit sehr schönen fotos. petri zum silber 😉

  7. Angelschreiner
    Angelschreiner 2 Mai, 2008, 05:01

    Hat sich doch gelohnt.Schöne Mefo.

    mfg Angelschreiner 😀

  8. Raubmade
    Raubmade 2 Mai, 2008, 06:56

    Gratuliere!

    Jetzt hast du aber sicher ein ordentliches Problem, die Silbersucht!?!
    Sprit ist teurer als die anderen Sachen vor denen wir als Jungs immer gewarnt wurden (Bier, Frauen und Hasch)…

    cheers
    Moritz

  9. stadtangler
    stadtangler 2 Mai, 2008, 18:22

    Großen Glückwunsch zu diesem schönen Fisch! Aber auch zu diesem Bericht, macht echt Lust, es zu probieren. 😀

  10. bengilo
    bengilo 2 Mai, 2008, 19:26

    Danke erstmal für die viele Glückwünsche 😀 …das Spritproblem stellt sich allerdings schon seit ich vor vier Jahren das erste mal zum Angel auf Rügen war :?-vielleicht hat ja das nächste Mal einer von Euch Lust mitzukommen, dann ist es nur halb so schlimm.

  11. Setjuk
    Setjuk 8 Mai, 2008, 22:33

    Schöner Bericht! Und Daumen hoch fürs durchhalten (auch wenns nicht 1000 Würfe gebraucht hat 8) )

  12. Rooki-Spinnfischer
    Rooki-Spinnfischer 8 August, 2009, 13:00

    Fuer so einen Fisch lohnt sich doch der Aufwand. Petri Heil zum wunderschoenen Fisch!

Nur registrierte Benutzer können ein Kommentar verfassen.