Langer Anlauf: Der erste Barsch des Jahres.

Langer Anlauf: Der erste Barsch des Jahres.

Jährlich grüßt das Murmeltier. Schonzeit sein Name. Unbeliebt landauf, landab. In Berlin geht’s bereits am 1.1. los. In anderen Bundesländern etwas später. In Bremen z.B. dürfen die Spinnangler bis zum 1.2. ihre gummifischbewehrten Ruten schwingen. Da ich seit letztem Herbst aus sehr privaten Gründen des Öfteren im Ammerland gastiere, hat sich das mit der Schonzeit auch für mich, den Berliner Exil-Schwaben, um einen Monat nach hinten verschoben. Zwar muss ich ca. 55 Minuten über die Autobahn huschen, bis ich am Ufer der Weser stehe. Doch geht’s mir in Berlin nicht anders. Selbst zum Boot an der Spree benötige ich 30 Minuten bei freier Fahrt. Bis ich an einem Brandenburger See stehe, dauert es mindestens eine Stunde aus dem Herzen Neuköllns. Und so habe ich mich sehr gefreut aufs neue Angelrevier, an das ich beste Erinnerungen habe. 2002 war ich schon mal da. Da gab’s gleich mit dem dritten Wurf einen Ü40er Barsch und obendrauf noch ein paar schöne Zander.

Doch die Weser ist lang, das Hafengebiert undurchsichtig und die Steinpackungen nehmen kein Ende. Seit 2002 kann sich eine Menge getan haben. Gebissen hat‘ auch nur am Mäuseturm. Keinen Plan also. Aber ich habe Bremer Bekannte. Barsch-Alarm-User, die ich bei den Treffen am Peenestrom persönlich kennengelernt habe. Einer von beiden war hier auch mal ziemlich lange Moderator. Das ist doch mal ein vernünftiger Ansatzpunkt. Also mal kurz eine Nachricht abgesetzt über den Barsch-Alarm Messenger:

„Hi ihr beiden,
lange nix gehört. Gibt’s euch hier noch? Ich hab mal ne Frage: Und zwar hab ich seit kurzem eine Freundin im Ammerland. Von da aus ist es nicht soooo weit bis zur Unterweser. Gibt’s da noch Barsche und Zander? Kann man mir da mal helfen? Hab keinen Bock auf die Hunte in Oldenburg.
Grüße
J.“

„Hannes, derzeit läuft es laut Hörensagen sehr gut. Es ist derzeit richtig viel Druck auf der Weser. Einen Schein für die Weser bekommst Du im Angelladen Howe in Delmenhorst. Ist ja auf deinem Weg….
Also melde Dich, wenn Du mehr weißt!
PS: Die nächsten 1,5 Wochen ist Felix auch in Bremen und der sucht noch einen Mitangler.“

Und so traf ich mich am Dienstag mit Felix bei Schneeregen und einem Wintersturm namens Fredericke. Was ein Schwachsinn. Aber so sind wir Angler halt. Fisch haben wir keinen gefangen, dafür umso mehr Wasser. Aber auf Fawez, den Betreiber der Facebook-Seite „Spinnangeln-Bremen“, sind wir gestoßen. Und der hat mich direkt erkannt, obwohl nur die lange Nase aus einem Sehschlitz hervorlugte. Kann an der sonoren Stimme gelegen haben. Jedenfalls meinte er, dass er mir am Abend die Koordinaten eines guten Barschspots durchmorst. Hat er auch getan. Dann war aber erst einmal Fredericke-Time. Und so kam’s, dass ich erst am Samstag (19.1.) nach Bremen durchstartete. Ich hatte mich schlau gemacht. Auch wenn ich ihn jetzt nicht nennen möchte, handelte es sich um keinen Insider-Spot. Felix kannte den natürlich auch. Zusammen mit Sascha hat er da ein paar Tage vor unserem Ausflug auch gefischt. Zusammen mit ca. 20 anderen Anglern, die im 3 bis 5 Meterabstand auf der Steinpackung aufgereiht waren wie Perlen an einer Kette. Nur gedeckter gefärbt. Ein bisschen unwohl war mir schon, als sich meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten: neben Spinnangeln-Bremen stand da wirklich eine Menge Angler.

Hannes meets Fawez.

Ich bin nicht stolz drauf. Echt nicht. Ist doch logisch, dass mich die Leute kennen. Artikel in den Angelmagazinen, das größte Forum für Raubfischangler und der Youtube-Channel (BATV), die Stimme und die Nase – man kennt und erkennt ich halt. Ist so. Das ist nicht immer toll. Es gibt Leute, die keinen Bock auf diese sich in den Vordergrund spielenden Angelfuzzies haben. Andere befürchten, dass ihre Spots platt sind, nachdem ich einmal da war. Nicht weil ich jeden Barsch rausgefangen habe, sondern wegen der Berichterstattung und dem anschließenden Run auf den Hotspot. Dabei bin ich gar nicht so. Dafür ist dieser Artikel das allerbeste Beispiel. (Ironie aus.)

Jedenfalls habe ich den Arsch zusammengekniffen, bin ruf auf die Packung. Ein kurzes „Moin.“, wie man das hier sagt. Rute raus. Keine Inszenierung. Kein nix. Fokus aufs Fischen. Einen Babyzander gab’s.

Das war mein erster Fisch 2018 – abgesehen von Forellen aus dem Angelpark Magdeburg.

Und dann doch ein bisschen Smalltalk. Ich habe Julian kennengelernt. Und Ben, Basti, Patrick und Halit. Fotos habe ich gezeigt bekommen von dicken Barschen und Zandern.

Ein 51er, der kurz vor meiner Ankunft gebissen hat. Alles klar – ich bleibe eine Woche länger bei euch im Norden!

Und ich habe mich wohl so gut benommen, dass ich eingeladen wurde, die Jungs am nächsten Tag ans Wasser zu begleiten. Neuer Spot. Einer, an dem weniger los wäre. Eigentlich „wollte“ ich ja zurück nach Berlin. Aber von einem Ort, an dem es so dicke Barsche gibt und so nette Menschen, kann man sich ja nicht einfach zurückziehen. Nein. Da verlängert man sein Engagement um eine Woche und erschließt neues Terrain. Ich fasse die nächsten Tage kurz zusammen. Ihr werdet sehen, wie viele Puzzleteile ich zusammensetzen musste, um meinen zweiten Weserbarsch und gleichzeitig meinen ersten Barsch 2018 zu fangen. (Halten wir kurz fest: Bis jetzt bin ich trotz Sturm mit Felix losgezogen, habe Fawez kennengelernt, über ihn den ersten City-Spot und dort dann Julian, Ben & Co.)

Sonntag (Angelzeit: 9.30 Uhr bis 15.00 Uhr): Gruppenfischen. Wir treffen uns an einer Hafeneinfahrt. Da geht nix. Wir fahren weiter. Alle fischen anders. Ich fange den ersten Zander auf einen 5er Easy Shiner in Green Pumpkin Chartreuse. Die Kollegen erwischen kleine Zettis auf braune Krebse, Gummis am Dropshot- und Texas-Rig. Erkenntnis: An den beiden Spots geht nix bzw. nur kleiner Zander.

Die Bermer Bande. Inzwischen stehen wir regelmäßig in Kontakt und freuen uns schon aufs Anangeln im Mai.

Montag (Angelzeit: 10.30 Uhr bis 14.30 Uhr): Ich will mit meinem Mädel angeln. Die bekommt aber keine Lizenz, weil ihre Angelpapiere nicht anerkannt werden im Delmenhorster Angelsport-Geschäft. Nervig. Dazu Nieselregen und 3 Grad. Die Braut sitzt auf einem Luftkissen gebettet auf der Steinpackung und schaut mir zu, wie ich angle. Unschön. Noch unschöner: Mir reißt ein großer Fisch ab. Bzw. beißt er mir das Dropshot-Vorfach durch nach 7 Sekunden Drill. Ein großer Fisch. Sicher Hecht. Mist. Sonst geht nix mehr. Meine Idee, an dem überfischten Spot vom Samstag feiner zu fischen, geht also doppelt nicht auf. Um mich herum beißt es nicht besonders gut. Allerdings erfahre ich am nächsten Tag, dass doch noch ein 45er Barsch kam, kurz nachdem ich weg war. Auf Dropshot. Der Mann hatte am Montag auch zwei Zander gedropshottet. Allerdings an der Strömungskante. Da kam ich mit meinem 18 Gramm-Blei aber gar nicht hin. Sein Top-Köder: 5er Easy Shiner in der Farbe Sexy Shad.

Not amused – ist aber ja auch maximal doof, beim Nieselregen zuschauen zu müssen wie der Typ keine Fische fängt.

Dienstag (Angelzeit: 10 Uhr bis 16.30 Uhr): Ich habe mich voll auf Distanz-Dropshotten eingestellt. Weil ich keinen Bock auf Angelladen hatte, habe ich 30 Gramm-Jigs vom Haken befreit. Als Köder habe ich 4er Easy Shiner dabei. Ebenfalls in Sexy Shad. Mit dem etwas kleineren Köder müsste ich noch weiter rauskommen. Allerdings fange ich in den ersten Stunden nur einen Zander. Der Champ vom Vortag hat in der gleichen Zeit 3 Stück und einen Barsch. Die Dinger stehen etwas weiter links. Durch konsequentes Aufrücken (ich hab gefragt, ob’s ok ist), kann ich noch zwei kleine Zander fangen und einen Fehlbiss rausspielen.

Schöner Biss – kleiner Zander.

Mittwoch (Angelzeit: 9.30 Uhr bis 16.30 Uhr): Ich habe nur Drophot-Tackle dabei. Auf der Steinpackung stehen nur 4 Mann. Der erste erkennt mich gleich. Und ich ihn auch. Was ein Zufall. Guido Jubelt, der bekannte Guide und Fox Teamangler. Ihm begegne ich normal nur auf Rügen. Er ist genervt vom überlaufenen Spot, will weiter. Wir verabreden uns für den Folgetag zum Zanderfischen. Voll nett. Er kennt sich hier aus. Die 40 Gramm-Lesath habe ich gegen eine günstige 60 Gramm-Rute getauscht. Tatsächlich komme ich fast 20 m weiter raus als am Tag davor. Ich fange mit dem zweiten Wurf einen kleinen Zander. Den ganzen Tag über bekomme ich noch 5 Fehlbisse. Einen davon auf Kickback-Rig. Nervig. Zu kurze Haken? Ich unterhalte mich u.a. mit Sergey. Er fischt viel hier. Er weiß, dass ich Barsch will und empfiehlt mir einen Platzwechsel.

Sergey habe ich fast jeden Tag da getroffen.

Donnerstag (Angelzeit: 9.45 Uhr bis 14.30 Uhr): Ich fahre mit neuen Plänen nach Bremen. Guido Jubelt hat mir abgesagt. Nicht schlimm. Kann ich schon auf Barsch los. Vorher fahre aber noch schnell zum Hafenamt, um mir eine Hafenkarte zu kaufen. Ich setze heute aufs Kickback-Rig. Mit der Seitenarm-Montage angelt hier niemand. Und die Fische kamen beim Dropshotten nur, wenn man die Rute flach gehalten hat. Der Köder kann nur minimal über Grund gespielt haben – wenn überhaupt. Ich probiere große Köder. Kleine Köder. Fange nix. Aber: Bevor ich kam, ging wohl die Post ab. Auf knallgrüne No-Action Shads. 40 m rechts neben mir beißen 3 Barsche bis ca. 35 cm. 50 m links von mir fängt ein Angler einen 40er au Köfi. Doch dann hört das Beißen auf. Es bleibt dabei. Dietel: No Barsch! Ich unterhalte mich noch mit einem jungen Angler aus Münster, der vorher an einem anderen Platz gefischt hat und einen Ü50er verloren hat vor der Landung. Sein erster Angeltag hier. Dritter Wurf. Oh Mann. Köder? 4er Easy Shiner. Green Pumpkin Chartreuse. Na klar hat er an dem Spot gefischt, den Sergey mir empfohlen hatte. Psycho…

On my way to Bremen.

Freitag (Angelzeit: 8.45 Uhr bis 16.00 Uhr): Heute treffe ich mich um 11.30 mit Guido zum Zanderfischen. Vorher 2 h Barsch. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht: Ein paar knallgrüne Gummifische hatte ich dabei. Die Barschrute war aufgebaut und ich würde zum Münsteraner Sergey-Spot gehen. Ohne Umwege. Vorab ein Müsli. Zwei große Tassen Earl Grey. Volle Konzentration. Ich werfe weit und jigge bis auf die Steinpackung. Nach einer halben Stunde endlich ein satter Barschbiss. Direkt auf der Packung. 5 m vor mir. Anhieb. Widerstand. Schlaffe Schnur. Gummi abgezogen. NEEEEEEIIIIIIIIIN! Ich bin sauer. Das war bestimmt der Biss des Tages. Diese Biester. Bin ich bescheuert. Eine Woche lang warte ich auf diesen Biss. Und dann hake ich ihn nicht. Haken nicht scharf? Bogen nicht weit genug? Anhieb zu lasch? Oder einfach nur Pech? Ich wechsle den VMC-Jig gegen einen von Gamakatsu und angle weiter. Eine Stunde vergeht, ohne dass was passiert. Im Kopf bin ich schon fertig mit dem Spot und – wenn ich ehrlich bin – auch mit dem Tag. Ich halte mich über Wasser, in dem ich mir gebetsmühlenartig einrede, dass hier Barsche da sind und dass ich einen Köder dran habe, den sie gut finden. Dann hänge ich zum 5. Mal in der Packung. Jedes Mal konnte ich den Gummifisch frei schnipsen. Doch diesmal muss ich das nicht. Der vermeintliche Stein ruppelt los und schüttelt sich! Ein geschenkter Fisch!! Jetzt nix falsch machen!!! Ich drille den Fisch vorsichtig, rechne jederzeit mit dem Ausstieg (ich hab ja nicht angeschlagen), kann ihn aber keschern. Hoch lebe der scharfe Haken! Danke Barsch! Danke Weser. Und tschüss. Ich geh jetzt mit Guido Zanderzuppeln.

Hannes ist happy. War das ein Kampf…

 

Zur Belohnung gab’s am Abend dann eine Ammerländer Ente.

Fazit: Mein erster Weserbarsch kam mit dem dritten Wurf. Mein zweiter nach 6 Tagen intensiven Angelns mit vielen System- und Köder-Wechseln, vielen Überlegungen und über 600 km Fahrt über die A28. Über den ersten habe ich mich tierisch gefreut. Über den zweiten noch ein bisschen mehr. Man muss schon ein bisschen beknackt sein, wenn man sich da so reinarbeitet. Dieser Barsch-Virus ist krass, führt einen aber immerhin an die frische Luft und bringt mich immer wieder mit sehr sympathischen Menschen zusammen. Ich danke allen, die mir beim Weserbarsch-Puzzeln geholfen haben!

PS: Es ist verrückt. Am 7. Tag habe ich dann vier 40er gefangen. Davon drei in einer halben Stunde.

Der erste kam gleich am Morgen.

Und dann bin ich einfach mal genau am richtigen Spot gestanden.

Und da hat’s dann auf 5 Quadratmetern gescheppert.

 

 

Was eine Angelsession…

PSS: Der Artikel erschien mit ein paar weniger Bildern, Rechtschreibfehlern und Worten im Blinker. Es tut mir leid, wenn einige Bremer Angler jetzt genervt sind von der Spot-Preisgeberei. Es ist das Dilemma des Angeljournalisten. Ich will eigentlich auch nicht, dass die Spots überlaufen sind. Aber ein Angeln ohne Spots ist ja leider unmöglich. Und wenn ich was schreiben will, gehören Bilder dazu. Und da erkennt man dann halt den Spot als Insider. Tut mir leid!

 

Kategorien: Barsch

Kommentare

  1. sandroca
    sandroca 17 April, 2018, 13:45

    Schöner Bericht und Glückwunsch zur neuen Freundin 🙂

    Hört sich aber schwer nach Kirmesangeln an. Na vielleicht verteilen sich die Massen ja wenn es wieder wärmer wird.

  2. STEINPILZ
    STEINPILZ 17 April, 2018, 14:38

    Toller und treffender Bericht, über typische Widrigkeiten mit Wetter und Barsch, aber auch mit Mitanglern, denen man es , wie immer auch , nie recht machen kann!
    Beste Grüße
    Walter

  3. BremerBarsch
    BremerBarsch 17 April, 2018, 15:13

    Hallo Johannes,
    schön das es dich an unsere schöne Weser und meinen alten Heimatort im Ammerland verschlagen hat.
    Sehr schöner Bericht!
    Vielleicht sieht man sich mal am Wasser.
    Gruß

  4. Percator
    Percator 17 April, 2018, 21:51

    Moin Hannes, hätte Dich ja gern in Berlin getroffen (wo’s auch ohne Angeln toll war), freut mich aber zu lesen, dass Du‘ s im Ammerland auch gut gehabt hast!

  5. aspiusfan
    aspiusfan 18 April, 2018, 09:11

    Yes, Entertainment pur in einer grauen Woche voller schlechter News und Absagen bei der Jobsuche! Danke dafür, Hannes!

  6. Johannes Dietel
    Johannes Dietel Autor 18 April, 2018, 13:50

    @aspiusfan: Bewerb dich mal beim Barsch-Alarm. Wir zahlen nix, bieten dafür aber einen weitestgehend stressfreien Arbeitsplatz an der frischen Luft und extrem viel Gestaltungsspielraum. Du kannst alles werden bei uns. Kameramann, Autor, Fotograf oder sogar Moderator 😀

  7. mefosi
    mefosi 18 April, 2018, 15:36

    Schöner Bericht – voll aus dem Leben.

  8. Zandecht
    Zandecht 30 April, 2018, 07:29

    Sehr schöner und vorallem ehrlicher Bericht! Petri noch zu den Fischen. Ich bin als Bremer nicht sauer wegen Plätzen, wenn man nur „den einen“ spot hat den du mit befischt hast, sollte man sich ohnehin mal Gedanken über neue Plätze machen als einheimischer. Hab dich sogar auch nochmal kurz getroffen, stachst sehr mit nach unten gejiggtem Texasrig raus. Bessere und ruhigere Plätze findet man sicherlich mit der Zeit! Grüße

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