Fischereimanagement an den Talsperren des Ruhrverbands – Teil 1

Letztes Jahr ist in der Märzausgabe der Fisch und Fang ein Interview von mir mit dem Fischereimeister Markus Kühlmann abgedruckt worden. Das ursprüngliche Interview war gegenüber der Druckversion länger und außerdem in einen Artikel über das Fischereimanagement des Ruhrverbands eingebettet. Damit diese ganzen zusätzlichen Informationen nicht auf meiner Festplatte „verrotten“, habe ich mich jetzt noch einmal aufgerafft und den kompletten Artikel für eine Serie hier auf Barschalarm aufbereitet. Hier und heute startet diese Serie mit Teil 1:

Die Interessengruppen der Berufs- und Sportfischer sind sich nicht immer grün. Doch an den Talsperren des Sauerlands und Bergischen Lands stellt die Berufsfischerei definitiv keine Konkurrenz für die Angler dar. Vielmehr erhöht sie die Chancen für passionierte Sportfischer auf kapitale (Raub)fische sogar! Der Hauptgrund dafür ist die nachhaltige Bewirtschaftung. Seit 1991 wird das Fischereimanagement an den Talsperren des Ruhrverbands unter der professionellen Obhut des Fischereimeisters Markus Kühlmann durchgeführt. Zu den Ruhrverbandstalsperren gehören unter anderem die Raubfischtopadressen Möhne- und Biggetalsperre. Herr Kühlmann sorgt als öffentlich bestellter Fischereisachverständiger mit seinem Team in allen neun Verbandstalsperren für artenreiche und gesunde Fischbestände.

Die Talsperren werden u.a. als Trink- und Brauchwasserreservoirs für die Wasserversorgung des Ruhrgebiets genutzt. Aus diesem Grunde ist die Hauptaufgabe des Fischereimanagements mit einem gesunden, den Talsperren angepassten Fischbestand die Wasserqualität positiv zu beeinflussen. Um dieses Ziel zu erreichen werden umfassende Probe- und Hegebefischungen, Erbrütung/Aufzucht von Besatzfischen und aufwendig geplante Fischbesatzmaßnahmen durchgeführt. Es werden z.B. alljährlich in großen Umfang gezielt Raubfische in den Talsperren ausgesetzt.


Hegebefischung mit dem Zugnetz


Fang aus Hegebefischung, Kleine Maränen

Denn nur mit einem ausgewogenen Verhältnis von Raub- und Friedfischen kann eine hervorragende Wasserqualität gewährleistet werden. Bei einem zu geringen Raubfischbestand würden sich nämlich die Massenfischarten (z.B. Weißfische und Maränen) sehr stark vermehren. In direkter Folge würden diese Massenfischarten zu viel Zooplankton fressen. Das Zooplankton hält normalerweise das Phytoplankton kurz. Wenn der Fraßdruck durch die Massenfischarten auf das Zooplankton nun allerdings zu groß wird, würde es langfristig zu einer Explosion des Phytoplanktons kommen. Hierdurch würde die Wasserqualität stark beeinträchtigt werden. Im schlimmsten Falle kann es so zu ausgedehnten Algenblüten kommen. Nun unterscheiden sich Talsperren erheblich von natürlichen stehenden Gewässern. In diesem Zusammenhang sind besonders die weitestgehend steil abfallenden Ufer, die über längere Zeiträume schwankenden Wasserstände in den Hauptbecken und die daraus resultierende eingeschränkte Ufer- und Unterwasservegetation zu erwähnen. Dadurch sind die Laichhabitate für Raubfische wie Hecht, Zander und Seeforelle nicht konstant und ausreichend vorhanden. Massenfischarten wie Brasse, Rotauge und Kleine Maräne sind an diese wechselnden Bedingungen besser angepasst und würden sich ohne Raubfischbesatzmaßnahmen schließlich durchsetzen. Folglich ist es enorm wichtig, dass in jeder Talsperre ein entsprechender Raubfischbestand mit intensiven Besatzmaßnahmen gehegt wird. Zur optimalen Planung und Dokumentation dieser Besatzmaßnahmen setzt Fischereimeister Kühlmann mittlerweile sogar ein eigens entwickeltes und von externen IT-Spezialisten programmiertes EDV-System ein.


Nahrungskettensteuerung mittels Raubfischbesatz

Neben Hechten und Zandern werden je nach Talsperre auch massiv Seeforellen und seit neuestem sogar Alpine Seesaiblinge besetzt.


Besatzseeforelle


Alpiner Seesaibling aus der Versetalsperre

Absolut außen vor ist der kommerzielle Fischfang. Das bedeutet, dass der Sportfischer quasi ganz alleine den begehrten Edelfischen Hecht, Zander, Seeforelle und Karpfen nachstellt, um nur einige der zahlreichen in den Talsperren beheimateten Fischarten zu nennen.

Am Möhnesee habe ich mich mit Herrn Kühlmann am Fischereigehöft des Ruhrverbands getroffen und intensiv über die Talsperren und das Potential der einzelnen Sportfischarten unterhalten. Den ersten Teil des kompletten Interviews könnt Ihr hier lesen:

Strehl: In der Biggetalsperre wurde am 12. Dezember 07 ein Wahnsinnshecht von 1,40 m Länge und 23,82 kg gefangen. Wie wahrscheinlich ist es, dass dieses Urtier in Ihrer Fischzuchtanlage gezüchtet wurde?

Kühlmann: Dieser Hecht wird ca. zwischen 12 und 17 Jahren alt gewesen sein. Wir züchten an der Möhnetalsperre Hechte seit 1991. Es könnte also möglich sein, dass er hier gezüchtet wurde. Allerdings vermehren sich die Hechte in allen Talsperren auch noch von allein, wenn der Wasserstand im Frühjahr gut und hoch ist. Grundsätzlich könnte es aber schon möglich sein, dass er tatsächlich hier aufgezogen wurde.

Strehl: Welche Ruhrverbandstalsperre hat qualitativ- und welche quantitativ den besten Hechtbestand?

Kühlmann: Ich würde sagen, mit Abstand den besten Hechtbestand qualitativ sowie quantitativ hat die Möhnetalsperre. Aber vor allem quantitativ. Die Möhnetalsperre ist recht flach, wird recht warm und hat ganz ausgeprägte Uferstrukturen sowie Vegetation. Hier liegt der Fokus beim Raubfisch auf dem Hecht, weil die Bedingungen für ihn optimal und für andere Raubfischarten nicht ganz so günstig sind. Deswegen wird der Hecht hier besonders gefördert und so haben wir hier einen sehr großen Hechtbestand und auch sehr kapitale Fische. Wir haben hier in der Möhne dieses Jahr ca. 230 Hechte zur Laichgewinnung für die Fischzucht gefangen und anschließend wieder zurückgesetzt. Davon waren einige Fische über einen Meter lang und einige über 30 Pfund schwer. Das ist hier schon fast Standard. Allerdings können Sie in allen Talsperren kapitale Hechte finden.


Kapitaler Hecht aus der Möhnetalsperre

Strehl: In welchem Gewässer hat man gute Chancen auf einen schönen Zander?

Kühlmann: Sorpe- und Hennetalsperre haben einen Top Zanderbestand. Die Biggetalsperre ist auch sehr gut. In der Möhnetalsperre ist es so, dass der Zanderbestand in den letzen Jahren trotz Besatzmaßnahmen rückläufig war. Das hat mehrere Gründe: Zum einen hat der Kormoran seinen Anteil daran. Zum anderen werden die Talsperren im Allgemeinen sauberer, weil nicht mehr so viel Phosphat durch Industrie und Landwirtschaft eingeleitet wird und die Kläranlagen technisch besser geworden sind. Also gelangen unterm Strich weniger Nährstoffe ins Talsperrenwasser. Somit wird das Wasser zunehmend klarer. Dieser Lebensraum sagt dem Zander nicht mehr so zu. Ein weiter Grund ist der Raubbau, den manche Angler in der Vergangenheit trotz Schonzeit am Zanderbestand getätigt haben. Es wurden gezielt Zander von den Laichgelegen im Vorbecken der Möhnetalsperre weggefischt. Da der Zander Brutpflege betreibt, sind so viele Gelege zerstört worden und ein Teil des Nachwuchses ist vernichtet worden.


Kapitaler Zander aus der Biggetalsperre

Strehl: Wo sollte man die Zander suchen?

Kühlmann: Das kommt drauf an. Der Fisch macht im Jahresgang horizontale Wanderungen in der Talsperre. Das heißt von der Stauwurzel zum Damm und wieder zurück. Und er macht am Tag vertikale Wanderungen im Gewässer. Grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass da, wo der Futterfisch sich aufhält, auch der Raubfisch ist. Der Zander hat nicht so einen Strukturbezug, steht auch im Freiwasser und geht vor allem hinter den Maränen her. Man muss am besten herausfinden, wo die Maränen stehen, und dann findet man auch den Zander. Der Zander steht zwar gerne tief oder grundnah, z.B. an einer Halde oder Felsnase. Aber er geht eben dort hin, wo die Beute ist. In den Talsperren wo wir Maränen und Felchen haben, spezialisiert er sich auch auf diese Arten und geht ihnen hinterher. Das gleiche macht übrigens auch der Hecht. Der Hecht ist in den Talsperren nicht so standorttreu. Insbesondere die großen Hechte gehen im Freiwasser hinter den Maränen her.

Das war der erste Teil der Serie. Im zweiten Teil werdet Ihr mehr über die Barsche und Seeforellen in Bigge, Möhne und co. erfahren.

Petri Heil,

Euer Clemens

9 Kommentare

  1. Für mich als begeisteter Möhneseeangler wahr der Bericht sehr informativ, klasse mal zu sehen was man sonst nicht mitbekommt.
    Wusste z.B. garnicht das auch Saiblinge in den Talsperren besetzt werden.

  2. der clemens legt sich echt ins zeug. da kamen schon ne menge guter berichte. bin mal gespannt, was im zweiten teil kommt. etwa ein hinweis auf die ultimative dickbarsch-sperre? ich wäre ja fast enttäuscht, wenn dem nicht so wäre 😀

  3. Sehr aufschlussreicher Bericht, bis jetzt..
    ….und natürlich vor dem Hintergrund.. [u][b]pünktlich [/u][/b] zur
    Raubfischmesse im Sauerland am WE und seinem Vortrag. 😆

  4. Solche Bewirtschfter wünscht man sich für so manches Gewässer! Guter Bericht, danke. Bin auf den zweiten gespannt.

  5. Der große Hecht zeigt den schlechten Fischer (Fischerweisheit) … soviel zur 'Konkurrenzsituation' zwischen Anglern und Berufs-/Nebenerwebsfischern.

  6. Die Berichtsserie ist wirklich erstklassig und eure Arbeit auch. Solche Berufsfischer würde ich mir im Südwesten der Republik auch wünschen.
    Hut ab ❗

Kommentar hinterlassen