Getriebespiel eliminieren – einfach und preiswert

Getriebespiel eliminieren – einfach und preiswert

„Gloin? Wer is datt denn?“ fragen sich jetzt womöglich die alteingesessenen 2er-Mepps-lässig-anner-Revo-SX-Werfer und Konsorten… Nun ich bin schon lange da, registriert seit 10.03.07 sehe ich gerade in meinem Profil. Allerdings immer nur stiller Mitleser, hatte ich nie den Elan und die Zeit mich so richtig einzubringen. Und mittlerweile habe ich zwei Kinder (Doktorarbeit, 3 Jahre und Isabella „meine Rute fängt besser als Papas, weil die ist rot“, 4 Jahre alt) und bin froh, 2-3x/Monat ans Wasser zu kommen. Da ist der Barschking in weiter Ferne, manche kennen das… Ohne Gewässer vor der Haustür wird in den kleinen Zeitfenstern nach Feierabend das Tackle gepflegt, getuned und gestreichelt („wenn ich dann mal ans Wasser komme, muss alles perfekt sein…“, auch das kennen sicher manche).

Und dann fallen mir zwei Rollen in die Hände, die sich beim Kurbeln irgendwie schlecht anfühlen… Die eine wenig gefischt und filigran (2012er Daiwa Legalis 2004) mit zwei untermaßigen Zandern am ML-Gerät auf der Habenseite. Die andere ein rüstiger Veteran, der schon viele Kilometer Schnur durch den Rhein gefaulenzt und ganze Schwärme feister Seelachse in Norwegen gebändigt hat (Ryobi Applause 4000). Bei beiden spürt man die Zähne des Getriebes deutlich ineinandergreifen. Aber auf unangenehme Art und Weise, nicht zu verwechseln mit dem soliden Gefühl eines Edelstahlgetriebes wie in meiner Okuma Komdo SS oder den Tiburon-Multirollen! Wenn man die Kurbel dann beim Kurbeln etwas in Richtung Rollenkörper drückt, verschwindet der Effekt wieder, lässt man locker, ist er wieder da. Da beide Rollen eine Steckkurbel haben, bewegt sich die Schraube auf der gegenüberliegenden Seite etwas mit (also auch in axialer Richtung, dass die sich dreht ist klar…).

Das Spiel ist nicht übermäßig groß, ca. 0,4mm. Aber es hat mich RASEND gemacht!!! Mit so einem Klapperteil kann ich das Angeln nicht genießen!!! Kurzer Blick zum Mülleimer… Nein, das habt Ihr nicht verdient. Also Spule und Rotor runter, den Gehäusedeckel abgeschraubt und den Anblick etwas wirken lassen (Weiter muss die Rolle nicht seziert werden, also auch für Grobmotoriker und Geisteswissenschaftler absolut machbar).

Aaaaaha! Das entscheidende Bauteil, mit dem die Hersteller Fertigungstoleranzen ausgleichen – und eben jenes Getriebespiel minimieren – ist die Unterlegscheibe („Shim Washer“) zwischen dem Main Gear („Hauptgetrieberitzel“?) und dem Kugellager im Seitendeckel auf der Kurbelseite. Ich habe mir das in ein paar anderen Rollen angesehen und in manchen sind bis zu vier dieser Scheiben verbaut. Die Dicke der einzelnen Scheiben variiert dabei von 0,05 bis 0,3mm.

Der Innen- und Außendurchmesser wird durch die Dimension des Kugellagers vorgegeben, das Unterlegscheibchen darf den Außenring des Kugellagers nicht berühren (wichtig!)

Interessanterweise sind ID & AD bei der 4000er Ryobi und der 2004er Daiwa identisch!

Und ab da wird es schwierig: eine Unterlegscheibe mit 7x10x0,1 mm bewegt sich abseits der DIN-Norm und will erst mal gefunden werden! Was liegt näher, als einfach den Händler, immerhin Daiwa-Master-Shop, anzuschreiben? Nach etwas Kommunikation wollte Daiwa-Deutschland die Rolle dann selber in die Hände bekommen und anstatt mir ein paar Scheibchen, deren Herstellungskosten deutlich unter 1c liegen, zu schicken, bekam ich im Endeffekt die komplette Rolle ausgetauscht. Danke. Das Ganze hat ziemlich genau 8 Wochen gedauert und die neue Legalis hat zumindest im ungefischten Zustand kein merkliches Spiel im Getriebe. „Neue Legalis“ hieß hier immer noch 2012er Modell (in Zeiten vor „light & tough“ war eine Rolle, auf die exakt 75m Sunline Sniper FC in 5lb passen, die unter 220g wiegt, einen größeren Spulendurchmesser als die 1000er Shimanos und keine HighSpeed-Übersetzung hat ein ziemliches Nischending. Aber geil für Spybaits. Aber ich schweife ab…)

Es bleibt ein gewisses Misstrauen gegenüber der kleinen Daiwa und natürlich das Getriebespiel der Ryobi Applause.

Nach laaaanger Internetsuche wurde ich dann im Modellbau-Bereich fündig. Für 5,90€ (+Versand) gibt es ein „Shim Set Atomic TS-048“, das 30 Scheiben (jeweils 10 Stck. in 0,1/0,2/0,3mm Dicke) enthält. Der Außendurchmesser beträgt zwar nur 9mm, aber das ist kein Problem. Nach etwas Probieren war klar, dass bei der Ryobi ein (zusätzliches) Spiel von 0,3mm eliminiert werden muss.

Dass die neue Scheibe einen etwas geringeren AD als die alte hat, stört nicht. Das Lager erfährt an dieser Stelle quasi keine axialen Lasten und für die Funktion des Kugellagers darf der AD nur nicht zu groß sein.

Jetzt dreht die alte Ryobi wieder einwandfrei und ist bereit für viele weitere:

Ich hoffe, mit dieser Anleitung die eine oder andere Rolle vor der Mülltonne, einem schlitzohrigen Ebay-Verkauf oder einem traurigen Rentnerdasein im Rollenschrank gerettet zu haben. Und natürlich dem Barschalarm nach langen Jahren stillen Mitlesens auch mal was zurückgeben zu können!

Gruß & Tight Lines

Tobias

Kategorien: Tipps & Tricks

Kommentare

  1. Stachelkalle
    Stachelkalle 5 November, 2018, 10:18

    Sehr cool dieser Tipp, danke dafür und schön dich mal kennen zu lernen.

  2. schlotterschätt
    schlotterschätt 5 November, 2018, 10:24

    Top Beitrag für alle Rollenschrauber und solche, die es werden wollen.

  3. Promachos
    Promachos 5 November, 2018, 10:52

    Klasse! Guter Einstand, da darf gerne mehr kommen:-)

  4. Johannes Dietel
    Johannes Dietel 5 November, 2018, 11:10

    Ich find’s auch klasse, dass da gerade so professionell rollengewartet wird auf der Startseite. Mir persönlich wäre das immer zu heikel. Aber allemal besser ne Rolle nicht ganz professionell zusammengeschraubt als das Ding mitsamt Rute in den See geschmissen. Insofern kann man das Risiko schon mal nehmen. Ist ja bestimmt ein schönes Gefühl, wenn man eine Rolle selber repariert hat.

  5. Knottable
    Knottable 5 November, 2018, 16:41

    Sehr schöner und lustig geschriebener Beitrag! Gerne mehr davon 🙂

  6. dietmar
    dietmar 5 November, 2018, 21:30

    Hi,

    der passende Suchbegriff für solche Scheiben ist „Passscheibe“ bzw. „Stützscheibe“ und sie sind genormt. Findet man z.B. im Normalienhandel, sprich Handel für Normteile.

  7. Sir Saturday
    Sir Saturday 6 November, 2018, 12:02

    Tolle professionelle Herangehensweise und sehr lehrreich. Danke dafür!

  8. Braithwaite-irrt
    Braithwaite-irrt 13 November, 2018, 09:00

    Meine Erfahrung mit „Passscheiben“ ist ähnlich gut. Bei hochwertigen Rollen können aber auch schon 0,2mm den Druck auf das Hauptrad so erhöhen, dass sich das Drehen nicht mehr gut anfühlt. Teilweise war das Herumexperimentieren mit untersch. dicken Scheiben schon echt nervig. Die Scheibchen von dem Link, sind leider aktuell nicht lieferbar. Werde aber umgehend da welche bestellen.
    0.4mm sind aber schon echte Brummer. Würde mich interessieren, woher man noch deutlich Dünnere herbekommt.

  9. Braithwaite-irrt
    Braithwaite-irrt 13 November, 2018, 09:18

    Korrigiere, wollte schreiben: 0,1mm – 0,3mm sind echte „Brummer“. Einige Originale sind so dünn, das ich es mit dem Messchieber kaum meßbar ist.

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