Der Watangel-Blues

Der Watangel-Blues

„… Das Angebot steht. Für geblinkerte Dorsche vom Ufer aus gebe ich zur Zeit eine rechtlich verbindliche Fanggarantie (wenn das Wetter mitspielt).“ Na, wenn das keine Aufforderung ist, der man als Ostsee-Spinnfisch-Greenhorn Folge leisten sollte?! Nach ein paar Mails und Telefonaten stand fest: Am Samstag, den 15.1.2005, geht’s zusammen mit dem Felix nach Rostock. Zu Rod’s World. Dort sollten wir um 13 Uhr DEN Barsch-Alarm-Experten für Angelabenteuer treffen.  


Dass man bei solchen Ansagen heimlich von einem WBF in Meerforelledesign träumt, ist selbstverständlich. Und so haben wir uns ganz schön heiß gequasselt auf der Hinfahrt. Und selbstredend waren wir bereits um 11 in Rostock. Kurz vor 13 Uhr sind wir dann zu Rod’s reingegangen. Und wurden denn auch direkt von einem offensichtlich bestens gelaunten Jörn (aka Tiger) empfangen, der sich schnell noch mal 5 Blinker gekauft hat. „Ich hab ein gutes Gefühl!“, sagt er. Und noch bevor ich selbsttätig die Mefo-Vision in mir aufbauen konnte, übernahm das Jörn für mich: „Wir sind zu dritt. Das kann auch was mit der Meerforelle werden. Nix wie los!“ 

Also rein ins Auto und ab dafür. Ca. eine halbe Stunde Fahrt war angekündigt. Da ich gefahren bin, konnte Jörn mir die Augen nicht verbinden. Aber keine Sorge, Kollege. Den Weg werde  ich trotzdem nie mehr wieder finden. Über endlos verschlungene Wegchen kamen wir an unser Ziel, einen steinigen Strand an einer Steilwand.


Aus dem Wagen ging’s über Umwege in die Wathose. Von meinem letzten Ausflug nach Holland hatte ich ja einige Erkenntnisse, was eine effektive Kälteblockade beim winterlichen Wassergang angeht, mitgebracht. „Ich mach Euch heute die Monsterzwiebel. Mit 20 Lagen!“ Unter anderem hatte ich auch noch die Inlays meiner Boom-Stiefel dabei. Also diesmal konnte wirklich nix mehr schief gehen. Von unten nach oben bzw. innen nach außen: Thermosocken, Boom-Frostschutz, lange Unterhosen, Jeans, Unterhemd, T-Shirt, Kapuze, Thermoanzug, atmungsaktive Wathose. Watgürtel. Aber den wollte ich erst am Wasser anlegen.


 


Das Tackle gepackt und runter die Treppe. Ran ans Wasser. Die Taschen abgestellt. Und sofort stürmten die Kollegen ins extrem trübe Wasser (Sichttiefe ca. 5 cm). Ein schönes Bild. Zwei Angler vor der Steilküste.



Das kommt aber nur gut, wenn man die vom Wasser aus fotografiert. Und am besten wenn man sie so schräg von vorne mitnimmt, so dass man die Küste sieht.



Nachdem die Fotos geschossen waren, ging’s zurück an Land. Schnell. Schließlich hat man auf der Jagd nach tiger-Dorschen und Meerforellen keine Zeit zu verlieren. Hoppla. Ein fetter Stein. Rechter Fuß: stolper. Linker Fuß: wegrutsch. Bauchplatscher. Linker Arm: Kamera in die Luft! Rechter Arm:  paddel. Puh. Ihr könnt’s Euch ja sowieso schon denken. Die Kamera war Sekunden später heil an Land. (Sonst würdet Ihr hier ja auch keine Bilder sehen können.) Ängstlich hab ich dann noch einen Blick in die Brusttasche meines ABU-Flotation Suit geworfen. Der Autoschlüssel! Noch mal tief durchatmen. Da war er. Direkt unter dem zusammengerollten Watgürtel. Und jetzt lief es mir auch schon richtig kalt die Beine runter. Ergebnis der Aktion: Kamera gerettet. Schüssel am Mann. Mann bis kurz über den Nabel klatschnass. Erfrischend. Soviel zum Thema Monsterzwiebel. Persönlicher Rekord! Nach drei Minuten angeln, war ich noch nie komplett durchnässt.



In der Hoffnung, dass ein paar Fische und die Körperwärme das eklig kalte Meerwasser in meiner Wathose bald zum Kochen bringen würde, fischte ich erst mal drauf los. Außerdem will man nach so einem Vorfall Marke „Tollpatsch“ auch nicht zusätzlich noch als Weichei da stehen.



Erstaunlicherweise war’s mir erst mal gar nicht so kalt. Wir peitschten unsere Gladsax und schmale Falkfish-Blinker (letztere sind Jörn’s Lieblingsköder für diese Angelei) eine ganze Weile so weit hinaus, wie es nur ging, suchten dann Grundkontakt und kurbelten die Dinger ein. Allen Regeln der Kunst entsprechend natürlich. Doch die Fische wollten einfach nicht beißen. Keine Meerforellen und keine Dorsche auch nicht. Aber die „Prime Time“ (O-Ton Jörn) lag ja noch vor uns. In der wollte ich aber dann doch nicht so halblebig fischen. Inzwischen waren meine Beine nämlich fast tot. Und so beschloss ich endlich, zum Auto zu gehen, und mich umzuziehen. Socken und Hose gab’s vom tiger (selten war ich vom Inhalt eines schwarzen Lederrucksacks mehr angetan als von diesem).


Eine halbe Stunde später war ich wieder am Set. Pünktlich zur Prime Time! Die Kollegen hatten allerdings noch nicht vorgelegt. Es stand als noch 0:0:0 – auch nicht schlecht. Die Blinker folgen jetzt noch einen Extra-Motivationsschub-Meter weiter. Und Tatsache. Wenig später kommandierte mich Jörn lautstark von dem Felsen runter, auf den ich mich vorgewagt hatte. Nicht ohne Grund wie ich schnell sah. Denn Felix Rute stand mal richtig krumm.


Ein Dorsch hatte sich den gejiggten (!!!) Eitzcoast von Eisele gegriffen, den ich ihm auf der Herfahrt noch ein bissel madig gemacht hatte, weil er beim letzen Mal in Norwegen auf Köhler nicht so gut funktioniert hat wie ein Blinker. Und jetzt hat da tatsächlich der erste tiger-Dorsch drauf gebissen. Kein Schlechter, übrigens. Wir haben ihn zwar nicht vermessen. Aber für das Küstenspinnfischen vor Rostock ist das ein anscheinend ein respektables Exemplar. Respektabel ist auch immer wieder die Power von Meeresfischen – ein Meterhecht geht um diese Jahreszeit nur selten wilder los. Zuerst hat sich der Fisch auf den Grund gesetzt. In Ufernähe aber wehrte er sich dann aber umso entschlossener an Felix’ Portland (3 m – Wg. bis 30 Gramm). Doch da hat er sich den Falschen ausgesucht: Mr. Feindrill in Action. Mit ruhiger Hand drillte sich Felix den Dorsch dann in Greif-Weite. Nachdem sich die Handlandung etwas schwierig gestaltet, beschloss er allerdings, das Teil zu slippen.




Nach der Fotoserie ging’s sofort weiter. Die Fische waren jetzt wohl da. Und keine 5 Würfe später hat es dann auch bei Jörn gerappelt. „… fo …elle…“ Irgendsowas drang zu meinem Ohr. Also nix wie einkurbeln. Ab zum Fotoapparat!



Währendessen hat Jörn den Fisch nach Hause gedrillt. Enttäuscht mussten wir dann aber feststellen, dass es ein kleiner Dorsch war, der den Haken im Schwanz hatte und deswegen so “befreit“ drauflos geschwommen ist.



Also nix wie weiter. Jetzt war ich richtig heiß. (So ungefähr hatte ich mir das gleich nach dem unfreiwilligen Bad vorgestellt.) Aber alle, die bis hierher durchgehalten haben, und sich evtl. mit uns auf ein Angelwunder im silbernen Schuppenkleid freuen würden, muss ich enttäuschen. Die Mefo kam genauso wenig wie der Dorsch, der eigentlich – rein gerechtigkeitshalber – bei mir hätte beißen dürfen. Felix und Jörn hatten dann genug und hörten auf. Ich nicht und machte weiter.



Als es schon länger dunkel war, fragte ich Jörn, ob das überhaupt noch Sinn macht mit dem Blinkern. Besonders überzeugt sah der nicht aus. Und so stellte dann auch ich meine Rute an den Felsen.



Inzwischen loderte bereits ein kleines Feuer. Jörn hatte Bratwürste dabei. Und einen kleinen Dorsch gefangen. Diese Kombo haben wir uns dann zusammen schmecken lassen. Garniert mit ein paar unserer feinsten Angelstories natürlich. Irgendwo dazwischen viel dann mal der Satz: „Wenn Ihr noch mal kommt, kannst die Hose ja wieder mitbringen.“ Dann war irgendwann mal Feierabend. Wir brachten Jörn noch schnell nach Haus. „Also wie gesagt, kannst die Hose anlassen.“ Und weil ich keine Lust hatte, in Unterhosen nach Hause zu fahren, nahm ich das Angebot dankend an.


Ach, ja. Felix hat mir dann auf der Heimfahrt noch erzählt, dass unser Lockvogel ganz schön unter Druck gestanden hat. Man hat ihn mehrmals heimlich fluchen hören, so heißt es.



Nur zu verständlich. Schließlich hatte er uns hierher bestellt und nun bissen die Dinger absolut besch… Ich zieh auch noch die verpönte Null. Muss das auch noch öffentlich machen. Und dafür sind wir extra aus Berlin angereist. Katastrophe!


Im Gegenteil: Alles Spaß!!! Wir kommen garantiert wieder, weil das echt Laune macht mit den Tiger-Dorschen und da noch ne Rechnung offen ist – von Meerforellen red ich erst mal nicht mehr. Vielleicht haben wir dann ja noch mehr Glück. War aber auch so mal wieder ein denkwürdiger Angeltag! An den werd ich mich bestimmt noch lang erinnern. Außerdem – mit einem fetten Felix-Dorsch, einem leckeren Lagerfeuer-tiger-Dorsch und einer geretteten dietel-Kamera liest sich die Bilanz doch sooo schlecht auch nicht. Dazu kommt mein persönlicher Rekord…


Also, Deine Hosen siehst Du auf jeden Fall in allerallernächster Zeit wieder. Indianerehrenwort !!!


 

Kategorien: Fangberichte

Kommentare

  1. Thomsen
    Thomsen 17 Januar, 2005, 16:07

    Wer bitte ist noch nie Schneider geblieben?

    So ist’s halt mit Fanggarantien…solche Worte sollte jeder Angler, vor allem aber jeder Guide aus seinem Wortschatz streichen.

    Thomas

  2. jackazz12
    jackazz12 17 Januar, 2005, 18:36

    Geiler Artikel! Bilder sind auch schön…aber zum Baden is zu kalt Hannes 😉

  3. fishhunter
    fishhunter 18 Januar, 2005, 13:59

    Da kann ich Thomsen nur recht geben, aber manche lerns nie.
    Aber auch ein Tag ohne viel Fisch kann super u. entspannend sein.

  4. dietel
    dietel 18 Januar, 2005, 15:53

    also für alle, die unseren guide mangelnde proffesionalität ankreiden wollen: das war alles lustig gemeint! und wir hatten sehr viel spaß. sowohl beim angeln als auch beim schreiben. nicht immer alles so ernst nehmen.

    muss ich mir dann aber selber ankreiden. das nächste mal werd ich noch ein paar smilies einbauen 😀

  5. Raeuberschreck
    Raeuberschreck 18 Januar, 2005, 22:40

    Und ganz dicke Hinweise, dass es auch ganz, ganz klar ist, was Du meinst. :-)))
    Nicht dass sich noch der ein oder andere den Kopf umsonst zerbricht… ()

  6. dietel
    dietel 19 Januar, 2005, 00:11

    das wollen wir auf jeden fall vermeiden 😀

  7. Shorty
    Shorty 19 Januar, 2005, 13:35

    Sehr schöner Bericht und super Küstendorsch.

    Wer zum Meerforellen-/Dorschangeln an der Küste nur wegen der Fische hinfährt, sollte eh besser zu Hause auf Barsch angeln.
    Doch dann wird er nie das großartige erlebnis des MeFo-Angelns erleben.

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