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Lord Howe Island

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Lord Howe Island

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Hecht911

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Gereist durch Zeit und Raum erwacht aus einem Traum



Wer kennt es nicht auch aus seinen Kindertagen, jenes aufregende Gefühl mit dem Finger auf der Landkarte „zu verreisen“?!
Die Phantasie trägt dabei Bilder ferner und exotischer Orte in Deinen Kopf. Einige davon wirst Du im Verlauf Deines Lebens mit der Realität abgleichen, viele andere vergessen und wahrscheinlich nie erreichen.
Oft aber ist es genau ein Bild des vermeintlich ganz besonderen Ortes, zu dem Deine Gedanken immer und immer wieder magisch hingezogen werden!
Meine Tag- und Nachtträume gehörten viele Jahre einer kleinen, fast unscheinbaren Insel namens Lord Howe Island.

Warum ausgerechnet dieser Fleck unserer Erde, der sein Dasein auf einer Weltkarte eigentlich nur der Tatsache verdankt, dass die UNESCO ihn 1982 zum „World Heritage“ erklärte, lange Zeit durch meine Phantasien stürmte, liegt für Menschen, die mich näher kennen, sicherlich auf der Hand.

Mit dieser Insel vereinigte sich in meinen Träumen stets türkisblaues Wasser über schneeweißen Sandstränden, gesäumt von grünen Palmen über denen große Schwärme schreiender bunter Vögel kreisen. Im glasklaren Wasser tummeln sich tausende exotischer Fische zwischen großen Korallenstöcken, die nur darauf warten, nach meinen ausgelegten Angelködern zu schnappen!

Frei nach dem Motto „Träume nicht Dein Leben, sondern lebe Deinen Traum“ war er dann plötzlich da, der Tag an dem ich meine vielen Traumschablonen über ein reales Bild legen konnte!

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Im Flugzeug von Sydney nach Lord Howe Island ging mir ein Lied von Nena nicht mehr aus dem Kopf – „Im Sturz durch Zeit und Raum, erwacht aus einem Traum ...“.

Für mein ganz persönliches Traumerwachen hatte ich mir in dem kleinen Flieger einen Fensterplatz auf der Steuerbordseite gesichert, weil man nur dort die Möglichkeit bekam, bei guter Sicht, bereits aus 50 Kilometern Entfernung die Überreste des ehemals riesigen Vulkanes, bestehend aus den Bergen Mount Lidgbird und Mount Gower sowie die solitär aus dem Meer hervorschießende Felsnadel mit dem Namen Ball’s Pyramid zu erblicken.


Die Sicht am Tag unserer Ankunft war nicht erstklassig, dennoch konnte ich das Ziel bereits viele Kilometer vor der Landung wie durch einen Nebelschleier sehen. Im Nachhinein muss ich feststellen, dass dieses etwas vernebelte Motiv viel besser zu meinen Fantasien passte und der Insel von Anfang an eine mystische Aura verlieh.

Obwohl die Geschichte der Kelten sich auf der anderen Seite der Erdkugel abspielte, fühlte ich mich beim ersten Anblick der im Dunstschleier aufragenden Felsmassive zurückversetzt in die Zeit der Artussage. Sind das die Nebel von Avalon? Wird mir Nimue, die Herrin vom See hier begegnen?
Mit jeder Minute in der ich der Insel näher komme, lichtet sich der Nebel und offenbart mir deutlich, dass dieser Platz im Südpazifik nur wenig mit der von Apfelbäumen gesäumten Zwischenwelt der keltischen Druiden gemeinsam hat.

Das dort vor mir ist die Realität, sie ist wunderschön und wird all meinen Phantasien gerecht!

Während des Landeanflugs prüfe ich dann gleich auch noch das nächste Detail – wo zur Hölle ist das türkisfarbene Wasser?

Aha schau an, das passt ja auch!

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Wie auf Bestellung liegt dann noch ein weißes Segelboot vor Anker und macht, mal abgesehen vom Rotorblatt des Propellers, das Bild fast perfekt! Träume ich etwa noch?

Spätestens das abrupte Landemanöver unseres Flugkapitäns überzeugt mich vom Gegenteil!

Die einspurige Start- und Landebahn der Insel ist nur ca. 900 m lang und fordert die Bremsen unseres Flugzeugs voll. Entsprechend groß ist auch der Druck der Sicherheitsgurte auf die Beckenknochen. Autsch, erst einmal ausgeträumt!

Die kleine Dash 8Q-200 erreichte nach nicht einmal einer Minute ihre Parkposition und gab einen ersten Blick auf das „Flughafengebäude“ der Insel frei. Es steht in Deutschland sicher die eine oder andere Gartenlaube, in die dieses Häuschen locker hineinpassen würde.
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„Klein, aber oho“ trifft buchstäblich auf alles zu, was sich auf Lord Howe Island so finden lässt. Die Inselbewohner halten ihr kleines Paradies super sauber und gepflegt. Hier kennt jeder jeden, alle grüßen sich freundlich, auch mehrfach am Tag.
Die Einheimischen geben dir das Gefühl, vom ersten Tag an Teil der kleinen Gemeinschaft zu sein. Lord Howe wird derzeit von etwa 350 Menschen bewohnt. Auflagen des australischen Staates zur Erhaltung der außergewöhnlichen Flora und Fauna verlangen, dass nie mehr Touristen als Einwohner auf der Insel sein dürfen.
Dieser selektive Umgang mit dem Tourismus schützt nicht nur die einheimische Tier- und Pflanzenwelt, er stellt gleichzeitig sicher, dass alles sehr familiär gehalten wird und andererseits dieses Urlaubsziel in finanzieller Hinsicht schon auch eine gewisse Exklusivität besitzt und so die materiellen Bedürfnisse der Einwohner weitestgehend befriedigt.
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Hecht911

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Das Auschecken am Miniaturairport verlief genauso unkompliziert, wie der freundliche Empfang durch unsere Gastgeberin. Einer der insgesamt drei Flughafenangestellten fuhr unser Gepäck mit einem Bollerwagen vor und wir konnten es von dort direkt in den kleinen Toyotabus laden, der uns auf die andere Seite der Insel zu unserem gebuchten Cottage brachte.
Vorher gab es noch eine Privatführung bzw. Einweisungsfahrt über die Insel!
Wenn Ihr Lust habt, dann nehme ich Euch jetzt noch einmal ein Stückchen mit auf diese Inselrundfahrt.
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Entdeckt wurde dieser paradiesische Fleck im Jahr 1788 von Bord eines englischen Seglers aus. Sein Kommandant, Leutnant Henry Lidgbird Ball, gab einem der beiden Berge und der großen Felsnadel seinen Namen. Die ganze Insel benannte er nach dem damaligen englischen Flottenadmiral, Lord Howe. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, dann benannte er den zweiten Berg der Insel, Mount Gower, nach dem Steuermann seines Schiffes.

Diese Berge, die das Gesamtbild der Insel ganz wesentlich prägen, steuern wir nach der Abfahrt am Flughafen zuerst an. Den Mount Gower, der mit ca. 875 Metern den höchsten Punkt der Insel bildet, darf man unter Begleitung eines Bergführers besteigen. Der Mount Lidgbird darf zum Schutz der dort ansässigen Flora und Fauna nicht bestiegen bzw. beklettert werden.

Mit diesen Informationen im Gepäck wenden wir den Wagen und folgen der kleinen Straße ins Zentrum der Insel. Auf Lord Howe gibt es nur wenige motorisierte Fahrzeuge. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit beträgt durchgängig 25 km/h. Hauptverkehrsmittel für alle Touristen, die es entweder eilig haben, oder zu faul zum Laufen sind, ist das Fahrrad.
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Die erste ernsthafte Besiedlung von Lord Howe geht auf das Jahr 1833 zurück. Alle vorherigen Versuche, auf der Insel sesshaft zu werden scheiterten vor allem daran, dass die Eigenversorgung mit Wasser und Lebensmitteln nur unzureichend funktionierte. Im Wesentlichen sind es drei Familien, ein Mix aus weißen Siedlern und Maori Frauen, die über nun schon 6 Generationen viele der heute noch dort lebenden Einwohner hervorgebracht haben.
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Die übergroße Mehrheit der etwa 350 Einwohner von Lord Howe Island hat sich im flacheren Zentrum der Insel angesiedelt. Hier finden sich neben zwei Restaurants auch kleine Geschäfte, ein Museum, eine Poststation und ein großes Generatorhaus. Der Strombedarf der Insel wird von zwei Schiffsdieselaggregaten gedeckt, die man wegen ihrer guten Einhausung kaum wahrnimmt.
Das bezaubernde Flair der Insel wird einerseits durch die freundlichen Bewohner und andererseits durch eine sagenhaft abwechslungsreiche Landschaft geprägt.
Es sind nicht weniger als 8 Traumstrände um die kleine Insel verteilt und jeder einzelne hat sein ganz eigenes unverwechselbares Gesicht.
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Im Bild seht Ihr den wohl bekanntesten Strand der Insel, Neds Beach, der seinen Namen weit über die Grenzen Australiens hinausgetragen hat!
Warum ausgerechnet dieser Inselabschnitt so große Bekanntheit besitzt, zeigen die nachfolgenden Bilder auf eindrucksvolle Weise:

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Auf diesem Bild habe ich einen etwa 1,30 m langen Kingfish, der von einem Silver Trevally flankiert wird, abgelichtet. Nun wird der eine oder andere sagen - hm Meer, Insel und Fische ist doch eigentlich nichts Außergewöhnliches.
Ja, stimmt auch, soweit man nicht nach dem Grund dafür fragt, warum sich nicht nur ein oder zwei, sondern hunderte und tausende Fische im knietiefen Wasser tummeln und aufgeregt mit den Flossen schlagen, sobald Menschen auch nur in der Nähe des Ufers auftauchen.
Der Grund dafür, dass Kingfish & Co sich so weit von ihren im Meer an gestammten Revieren bis an den Sandstrand begeben und wie Schoßhündchen betteln, frei von Scheu und jeglicher Skepsis vor der Kamera posieren, heißt Brot!
 

Hecht911

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Dieses etwa 1,5 m lange Prachtexemplar war besonders dreist und hat mir nicht nur ein ganzes Brötchen praktisch aus der Hand gerissen, sondern anschließend auch noch versucht, mich „zu tunneln“

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Schaut Euch das aufgerissene Maul an, da hätte meine Hand neben dem Brötchen noch locker Platz gehabt!
Neben den Kingfischen gab es zahlreiche Silver Trevallys und Silver Drummer zwischen 5 bis 10 Kilogramm Gewicht zu bewundern, aber die Kings waren eben die Kings. Wenn diese Fische auf das Brot fixiert waren, dann hatte kein anderer Fisch auch nur den Hauch einer Chance! Das laute Schmatzen ihrer Mäuler beim Zuschnappen hallt mir noch heute in den Ohren.
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Hatte man in Anwesenheit der Kings Futter in der Hand, war volle Konzentration gefragt um die Hand rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, denn dieser Fisch hat extrem unangenehme Zähne!
Genauso aufregend wie die tägliche Futterprozedur, war es an diesem Strand, an dem das Angeln strengstens verboten ist und schon der bloße Versuch mit einer Mindeststrafe von 3.000 AUD geahndet wird, mit den Fischen und anderen Meeresbewohnern zu schnorcheln.
Wenn Ihr noch einmal auf das Foto von Neds Beach zurückspringt, welches ich von Malabar Hill aus aufgenommen habe, dann könnt Ihr in der Bildmitte einen kleinen Kanal sehen, der sich vom Außenriff durch die Korallenstöcke bis direkt an den Strand zieht. Diese Strecke war ein fantastischer Platz, um mit den großen Kings ebenso zu schwimmen, wie mit einigen großen Schildkröten! Es war ein unglaublich schönes Erlebnis!
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Hecht911

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Über mehr als 20 Jahre fütterte ein Einwohner der Insel an diesem Strandabschnitt die Fische und Vögel mit allem was in der Küche so übrig blieb. Inzwischen haben die Touristen diese tägliche Fütterung übernommen und tragen Tag für Tag etliche Pfund Brot an den Strand.
Das bleibt (was man auch immer davon halten mag!) natürlich nicht ohne Wirkung auf das Verhalten der Tiere dort. Alle sind außergewöhnlich zutraulich, d.h. ohne ihre sonst übliche angeborene Scheu. Für jeden Lord Howe Besucher ist Neds Beach ein MUSS“!

Nun verlassen wir Neds Beach, diesen magischen Ort der „Könige“ und setzen unsere Inselrundreise Richtung Südwesten fort. Nach nur 10 Minuten Fußweg, der entlang der Küste durch einen kleinen Palmenwald führt, stehen wir oberhalb der Klippen vor dem nächsten wunderschönen Platz namens Middle Beach.
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Dieser Strand ist nur bei Niedrigwasser begehbar und gehört mit zu den aussichtsreichsten Uferangelplätzen der Insel.
Die Wellen haben hier über tausende von Jahren bizarre Formen in die erstarrte Lava geschnitten.
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Durch die isolierte Lage der Insel gibt es auf Lord Howe Island hunderte Tiere und Pflanzen, die als sogenannte endemische Arten gelten. Das bedeutet, dass es diese spezielle Art nur auf Lord Howe und nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Dieser Fakt ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die Insel gerade einmal 20 Quadratkilometer groß ist!
Zu den bekanntesten Lord Howe – Spezies zählen zum Beispiel die Waldralle (Woodhen) und ein Fisch namens Doppelkopf (Double Header).
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Auf diesem Bild sind Lord Howe Waldrallen zu sehen, die uns jeden Morgen am Frühstückstisch besuchen kamen und ungewöhnlich zutrauliche und neugierige Wesen sind. Deutlich sind die kräftigen Beine zu sehen. Die Flügel sind verkümmert, die Woodhen können demzufolge nicht mehr fliegen und zählen damit zu den Laufvögeln.
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Das aufgeschlossene Wesen dieser Tiere und ihr gut genießbares Fleisch sind den Woodhen zur frühen Zeit der Besiedlung der Insel fast zum Verhängnis geworden. Ohne Rücksicht auf den kleinen Bestand wurden die Tiere von den Einwohnern gefangen und gegessen.
Nur wenige Brutpaare überlebten unter anderem deshalb, weil sie sich in den unzugänglichen Teil der Insel um Mount Lidgbird zurückgezogen hatten.
Heute, nach vielen Jahren strenger Schutzmaßnahmen, hat sich der Bestand wieder erholt und die Tiere sind auf der ganzen Insel zu beobachten.
Bedroht sind die Laufvögel von Lord Howe Island aber nach wie vor, allerdings ist ihr Feind heute ein anderer – Ratten!
Die Menschen, Tiere und Pflanzen leiden seit vielen Jahren unter einer Rattenplage.
Rattenfallen sind auf der ganzen Insel allgegenwärtig und können das ungehemmte Anwachsen der Nagerpopulation dennoch nicht verhindern! Die Gelege aller Bodenbrüter
fallen oft dem großen Appetit der Ratten zum Opfer. In abendlichen Gesprächen mit den Einheimischen wurde mir berichtet, dass es Pläne der australischen Regierung geben soll, die Inseln in den nächsten Jahren komplett zu evakuieren und das Rattenthema dann „im großen Stil“ ein für allemal zu beenden. Was auch immer hinter der Definition „im großen Stil“ stecken mag, die einheimische Bevölkerung ist nicht begeistert und verweigert sich diesen Plänen strikt!

Für Außenstehende ist es schwer, in dieser Sache Partei zu ergreifen. Es ist sicher wie oft im Leben, alle haben mit dem einen oder anderen Argument ja eine nachvollziehbare Position.
Nur eines ist klar – zum Schutz der einmaligen Flora und Fauna dieses kleinen Refugiums müssen dringend geeignete Maßnahmen ergriffen werden. Ratten haben dort nichts zu suchen! Auch Katzen sind auf der Insel nicht erwünscht und für Hunde gibt es klare einschränkende Regeln.
 

Hecht911

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Nun aber zurück von den Wermutstropfen der Zivilisation zu den schönen und besonderen Seiten der Insel, z.B. dem schon erwähnten Doppelkopf.

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Als ich diesen Fisch zum ersten Mal sah, hatte ich als alter Star Trek Fan sofort eine Assoziation – Klingonen! ☺
Es ist doch immer wieder spannend zu erfahren und zu sehen, welche vielfältigen Formen das Leben auf der Erde angenommen hat! Beim Anblick dieses Fisches wächst zugleich der Glaube an außerirdisches Leben.
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich kann man den Double Header live beim Schnorcheln oder Tauchen an einem weiteren Traumstrand der Insel beobachten, an den Korallenstöcken des sogenannten Salmon Beach.
Auch dieser Strand soll seinem Namen alle Ehre machen, vorausgesetzt man ist zur richtigen Zeit dort! Als ich einen Uferangelversuch unternehmen wollte, um einen der begehrten australischen Lachse zu fangen, präsentierte er sich leider alles andere als traumhaft.
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Bei diesen Bedingungen gab es keine Chance mit leichter Reisespinnrute und 40 Gramm schweren Poppern oder Meerforellenblinkern irgendeinen Fisch zu haken. Eine kontrollierte Angelei war schlichtweg unmöglich.
Wenn es neben der Rattenproblematik, von der ich persönlich nicht betroffen war, überhaupt ein Haar in der paradiesischen Suppe dieser Etappe der Reise gab, dann war es mein falsches Timing hinsichtlich der Angelei mit Bezug zum Wetter.
Unsere Planung sah vor, an den ersten Tagen unseres Aufenthaltes zunächst die Inselwelt zu erkunden. Anschließend hatte ich dann für die letzten drei Tage Ausfahrten zum Trolling und Jigging gebucht. Wie es der Teufel will hatten wir an den ersten vier Tagen geniales Wetter mit strahlendem Sonnenschein und einem nur lauen Lüftchen.
Als dann die Zeit der Ausfahrten gekommen war, tobte an der australischen Ostküste bis vor Neuseeland ein ausgewachsener Sturm und machte es unmöglich, mit dem 32 Fuß langen Boot das Außenriff zu passieren.
So war ich gezwungen, bis zuletzt mein Angelglück vom Ufer zu versuchen und mich mit der täglichen Schnorchel- und Futtersession der geschonten Kings in Neds Beach zu bespaßen.
Aber wer würde sich über diese Alternativen wirklich ernsthaft beklagen wollen!?!
Darüber hinaus versetzt mich die windbedingte Uferzwangspause auch in die Lage, über wirklich alle Strände der Insel zu berichten.
So führte mich mein Weg eines Nachmittags, ausgerüstet mit Meerforellenequipment, auch an den Old Settlement Beach. Bis zu den Knien im Wasser stehend, versuchte ich irgendeinen Fisch für meinen kleinen silbernen Möre-Silda-Blinker zu begeistern.
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Nach einigen erfolglosen Würfen tauchte urplötzlich in meinem Augenwinkel ein Schatten auf, der sich mir langsam von links näherte. Unvermittelt stoppte ich meine Bewegungen und verharrte völlig still im kristallklaren Wasser. Eine große Schildkröte schwamm völlig unbeeindruckt nur einen Meter an meinen Füßen vorbei Richtung Ufer. Als sie etwa auf meiner Höhe war, löste ich mich kurz aus meiner Starre und nutzte die gute Gelegenheit, einige schöne Fotos in Nahaufnahme zu schießen.
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Hecht911

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Da das Angeln ohnehin erfolglos verlief, verwendete ich die nächsten Minuten darauf das Tier dabei zu beobachten, wie es vermutlich einen geeigneten Platz für die nächtliche
Eiablage suchte. So plump sich diese urigen Vierbeiner einerseits auch an Land bewegen, so elegant gleiten sie andererseits durchs Wasser.
Nach kurzer Zeit verlor ich das Tier aus den Augen, aber meine Gedanken blieben noch eine Weile bei ihm, verbunden mit der Hoffnung, dass es einen guten Platz für die empfindlichen Eier finden möge!
Vom Old Settlement Beach führte mich anschließend mein Weg zum „Jetty“. Diesen Namen trägt ein großer Pier, dessen Holzbalkenkonstruktion sich weit in die große Lagune spannt.
Ein ehemaliger australischer Football-Spieler und Reporter namens Rex Hunt hat den Jetty mit einigen Angelreportagen bekannt gemacht.
Am Ende der großen Steganlage ist das Wasser etwa 4 Meter tief und der aufmerksame Betrachter hat vor allem bei auflaufendem Wasser sehr gute Chancen allerlei Meeresbewohner zu beobachten. Neben hunderten bunter Korallenfische gab es so auch große Stachelrochen und Krustentiere zu sehen.
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Da der Jetty natürlich auch zu den besten Uferangelplätzen auf Lord Howe gehört, habe ich dort einige Male mein Glück versucht und mich mit den bis zu 5 kg schweren Silver Drummern angelegt, die rund um den Pier in kleinen Trupps von 5 bis 10 Fischen unterwegs waren.

Es hat mich einige Versuche gekostet, bis ich dann endlich mit der guten alten Karpfen-Schwimmbrotmethode die geeignete Montage gefunden hatte, um die Fische ans Band zu bekommen. Auf diesen Dreh gebracht hat mich natürlich die Fütterung an Neds Beach, denn neben Kingfish und Silver Trevally haben auch die Silver Drummer beim Brot herzhaft zugeschnappt.
Diese Fische waren anglerisch sicher nicht die ganz große Herausforderung, haben aber an der leichten Spinnrute einen guten Sport geboten und bei der ersten Flucht auch schon mal 20 Meter Schnur von der Rolle gerissen.
Der Silver Drummer wird von den Einheimischen auch „Stinker“ genannt. Dieser Name soll darauf hinweisen, dass diese Fischart in Australien wohl eher nicht den Weg in die Küche findet.
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Neben einigen Silver Drummern zwischen 2 und 4 kg Gewicht fing ich vom Jetty auch diesen farbenprächtigen Parrotfish. Der Bursche stürzte sich wie ein Geier auf das Schwimmbrot und schoss beim Anbiss vom Grund mitten durch den Silver Drummer Schwarm. Die Art und weise mit der er sich die Brotflocke einverleibte erinnerte schon ein klein wenig an einen GT Biss auf Popper.
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Nach einem kurzen Fotoshooting durfte auch dieser bunte Flossenträger wieder zurück in sein Element.
 

Hecht911

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Bei unserer Inselrundreise wende ich mich nun dem nördlichen Zentrum der Insel zu. Auf unserem Weg dorthin finden sich sehr ungewöhnliche Verkehrshinweisschilder am
Straßenrand.
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Wer oder was um alles in der Welt sind „Mutton Birds“, wörtlich übersetzt „Hammel Vögel“? Die Antwort auf diese Frage erhält man auf Lord Howe mit Einbruch der Dämmerung. Sobald die Sonne im Meer versinkt, fallen vom Meer aus tausende schwarze Seevögel in die Palmenwälder der Insel ein. Oft sind die Tiere so sehr mit Seafood vollgestopft, dass sie nicht einmal mehr koordiniert landen können und einfach aus 2 bis 3 Meter Höhe in Bäume, Sträucher oder auf den Boden klatschen. In den Palmwäldern übernachten diese Vögel dann in Erdlöchern und kleinen Höhlen. Jeder Mutton Bird scheint dabei seinen eigenen Platz zu beanspruchen, was dazu führt, dass er ihn gegen alle seine Artgenossen mit lautem Schreien und Gezeter die ganze Nacht über verteidigt.
Das Geschrei der Vögel klingt wie eine Mischung aus Babygejammer und Wolfsgeheul die ganze Nacht über den nördlichen Teil der Insel – furchtbar!
Den Namen Mutton Bird haben die Insulaner dem Vogel gegeben, da sein Fleisch wohl sehr ölig und tranig wie das eines alten Hammels schmecken soll. Nahrung war in der Geschichte der Insel eben immer sehr knapp, da haben die Menschen dort auch wirklich alles einmal gekostet.
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Bei den unseren Wanderungen lernten wir täglich aufs Neue die vielen abwechslungsreichen Gesichter dieser kleinen Insel kennen.
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Um an den westlichsten der Traumstrände zu gelangen, muss man einem Dschungelpfad folgen und einen Hügel namens „Kims Lookout“ überwinden.
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Giftige und gefährliche Tiere laufen, krauchen oder fliegen dem Wanderer auf dieser Insel glücklicher Weise nicht über den Weg. Allerdings sind wir den Spinnen, die fast die
Dimension einer ausgewachsenen Männerhand haben, dennoch mit ein wenig Skepsis begegnet.
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Mit diesem Anblick wird man belohnt, wenn man die leicht schweißtreibende Dschungelwanderung absolviert hat – die North Bay.

Flüssigkeitsverluste kompensierten wir allabendlich in Micks Cafè und Bar. Hier kann man guten Wein, leckeres Essen und passables australisches Bier genießen.
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Dazu gab es musikalische Untermalung einer vierköpfigen tasmanischen Band, die der Eigentümer der Bar, ein passionierter Segler, extra für die Unterhaltung der Teilnehmer einer traditionellen Segelregatta einfliegen ließ.
Mit allen Leuten dort kam man schnell ins Gespräch ... und Segler sind ein wirklich trinkfestes Völkchen!

Die große Lagune ist nur wenige Schritte von Micks Bar entfernt und so konnte man nach einigen Gläsern australischen Weins dann Abend für Abend fantastische Sonnenuntergänge genießen.
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Unsere Zeit auf Lord Howe Island verging im wahrsten Sinne des Wortes wie im Flug. Dieser Fleck gehört, wenn es sie denn überhaupt gibt, mit zu den letzten Paradiesen unserer Welt.
Zehn Maultiere waren nötig, um mich nach acht Tagen magischen Genusses wieder in den Flieger nach Sydney zu zerren.
Dieser Ort hat mich echt umgehauen und tief in seinen Bann gezogen. Die verpassten Angelausfahrten sind deshalb nur ein Grund für mich festzustellen – Lord Howe Island wir werden uns noch einmal wiedersehen!

Dann startet der Pilot die dröhnenden Maschinen des Flugzeugs, gierig sauge ich die letzten Bilder „meiner“ Insel ins Bewusstsein.

Nach wenigen Augenblicken entschwindet die Inselrealität in einem schweren Dunstschleier, ich schließe die Augen, lasse mich in den Sitz fallen und plötzlich ist sie wieder da, Nenas Stimme „Im Sturz durch Raum und Zeit Richtung Unendlichkeit ...irgendwie, irgendwo, irgendwann“.
 

Hecht911

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Sicher keine ganz leichte Kost und auch nichts für Liebhaber von Hardcore-Angelberichten, aber bestimmt wieder etwas fürs Fernweh und ggf. neue Reiseplanungen!

Ich habe viel von der Welt gesehen ... dieser Platz war für meinen Geschmack der mit Abstand schönste Fleck auf unserer Erde!
 

Cranky

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Danke für deine Mühe das alles so detailliert zusammenzutragen. Hat mir sehr gut gefallen!
Ich hatte nach der Überschrift direkt die Coverversion von Jan Delay im Kopf, danke für den Ohrwurm ;)
 

Z77

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Bei deinen Angel und Reiseberichten kann man ja nur Fernweh bekommen. Mega!!!
 

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Deine berichte sind eine absolute Bereicherung für das forum!
 

Simon D

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Wow, hat mich richtig mitgenommen. Danke auch für die ganzen Infos neben dem Angeln. Also der Biologie, der Geographie und den Menschen....Macht wirklich Spaß zu lesen. Bin mal sehr gespannt, wo du sonst noch so warst!
 

Hecht911

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Habt vielen Dank!:emoji_thumbsup:
Brasilien, Argentinien, Neuseeland, Seychellen ... wären noch berichtenswert.
@Simon D - zur Überbrückung schau Dir gern noch Fiji und die Malediven an. Die findest Du ebenfalls im Forum „Reiseberichte“.

Mal schauen, wann mich die Muse wieder küsst. Es muss ja auch ins/zum Board passen ...
 
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Simon D

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Argentinien in Richtung Patagonien? Dort habe ich jedenfalls mit 8 meinen ersten und einzigen Lachs bis jetzt gehabt, vielleicht lnipse ich das Foto aus dem Fotoalbum bei meinen ELtern mal ab ;) In Uruguay hatte ich viele Jahre später nen Golden Dorado am Rio de la Plata, der aber leider ausstieg sowie ne Art Drumfish an der Shoreline von Montevideo. Die anderen Berichte hab ich gelesen, aber danke ;)
 

Hecht911

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Ja, Patagonien.;) Spannender als die Lachse sind dort die Meerforellen und die Brook Trout! Allerdings inzwischen auch alles sehr exklusiv.:(

Von Uruguay habe ich bisher nur Colonia del Sacramento gesehen. Bin mal für einen Tag mit der Fähre von Buenos Aires rüber gedüst und hatte keine Angel dabei.
 

Simon D

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Ich war in Colonia damals, was ein Zufall! Der Lachs war ca 1995....damals war der Run auf die patagonischen Salmoniden noch dezent.Ich behalte es mir lieber menschenleer in meiner Erinnerung :) Sind damals mit den Eltern im Jeep mit Dachzelt von La Paz über die Atacama Wüste bis runter nach Feuerland gefahren.
 

Sir Saturday

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Die Renommee-Funktion vermisse ich auch in diesem Thread wieder schmerzlich :emoji_disappointed:

So einem tollen Reisebericht lediglich Likes geben zu können nervt ...
 

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