Denn: Die oben angeführte Studie von Arlinghaus et al. ist eine Metastudie, die alle zum Thema bis dato veröffentlichten Studien einschließt und bewertet. Und die Quintessenz habe ich auch bereits oben vermerkt. Wie gesagt, deine Aussage "Fische empfinden Schmerz" ist nicht haltbar.
Ich lese da nur:
Fische besitzen kein dem Menschen vergleichbares Schmerzempfinden. Zu diesem Schluss kommt ein internationales Forscherteam aus Neurobiologen, Verhaltensökologen und Fischereiwissenschaftlern.
Es ist nicht die Rede davon, dass Fische überhaupt keine Form von Schmerz empfinden können nur, dass es nicht mit dem Menschen vergleichbar ist.
Eigentlich logisch: Kein Fisch wird danach eine Therapie besuchen oder ein Buch darüber schreiben, wie er das entstandene Traumata aus dem Fang überwunden hat.
Weiterhin lese ich nicht, dass die Studie sämtliche bis dahin veröffentlichten Studien einschließt und bewertet.
Anschließend lesen wir da:
Auch zeigen Fische keine nennenswerten Verhaltensreaktionen, wenn sie mit für Menschen horrenden Eingriffen konfrontiert werden. Die meisten Schmerzmittel versagen bei Fischen ihren Dienst. Prof. Dr. Robert Arlinghaus erläutert abschließend, dass „Knochenfische ohne Zweifel mit einfachen Nozizeptoren ausgestattet sind, und sie zeigen selbstverständlich Reaktionen auf Verletzungen und sonstige Eingriffe, inklusive. auf die Zukunft gerichtete Vermeidungsreaktionen. Ob diese jedoch als Schmerz wahrgenommen werden, ist nicht bekannt und nach unserer Recherche ziemlich unwahrscheinlich.“
Dass einige Schmerzmittel bei Fischen durchaus wirken wurde von anderen Forschern gezeigt (umgekehrt wirken ja auch nicht alle Tierarzneimittel beim Menschen), für mich ist weiterhin wiedersprüchlich, dass "Fische keine nennenswerten Verhaltensreaktionen" zeigen sollen, zwei Sätze später aber davon die Rede ist dass sie selbstverständlich auf Verletzungen reagieren und auf die Zukunft gerichtete Vermeidungsreaktionen zeigen.
In
diesem recht aktuellen Artikel wird näher auf die Thematik eingegangen. (Im Anhang des Artikels finden sich in den Quellen auch die konkreten, neueren Studien.)
Wie es der Link vermuten lässt ist ist der Artikel natürlich wieder aus Anglersicht geprägt.
Aus dem Artikel:
Hierzu haben die Wissenschaftler den Versuchstieren (Atlantischer Lachs) gezielt Schmerzen zugeführt. Zum einen haben sie den betäubten Fischen eine Substanz gespritzt, die ähnliche Schmerzen wie eine Brennnessel hervorruft. Die Fische haben anschließend Veränderungen in ihrem Verhalten gezeigt: So haben sich einige Tiere im Kies gewälzt, andere sich ihr Maul an der Wand des Fischtanks gerieben oder sich von einer auf die andere Seite gedreht. Wieder andere Fische haben aufgehört zu fressen. Ein ähnliches Verhalten kannst du auch beim Menschen beobachten. Zudem führte die Gabe von Schmerzmitteln zu einer Unterdrückung dieser Verhaltensänderungen. Dies werten die Wissenschaftler als Hinweis auf eine möglicherweise bewusste Schmerzwahrnehmung bei Fischen.
Der Artikel listet weiterhin noch eine Reihe an Gegenargumenten auf, in denen konkret das "empfinden" also die weitere Verarbeitung der Schmerzsignale angezweifelt/heruntergespielt werden und von Kritikern als reine Reaktionen angesehen werden und darauf verwiesen wird, dass wir vieles stand heute einfach noch nicht genau genug untersuchen können.
Aus dem Artikel dazu:
Die Nozizeption beschreibt die biologischen Voraussetzungen zur Wahrnehmung von schädlichen Reizen. Sie bildet die evolutionär gewachsene Grundlage zur Vermeidung von Gewebeschäden. Sie ist aber nicht gleichzusetzen mit einem bewussten Wahrnehmen von Schmerz.
Für mich als nicht-wissenschaftler ist das allerdings Wortklauberei:
Wenn ein Fisch auf eine Aktion die mir als Mensch Schmerzen bereiten würde, eine Stress-Reaktionen zeigt die so auch Menschen in dieser Situation zeigen würden (z.B. oberes Beispiel sich kratzen), Schmerzmittel die Reaktion mildern und später von Fischen gezeigte Vermeidungsstrategien darauf hindeuten, dass er die Aktion als eindeutig schlecht/negativ (Stichwort: schmerzhaft) wahrgenommen hat und sich daran erinnert reicht
mir das aus um von Schmerz zu sprechen, selbst wenn sich einige Wissenschaftler noch jahrelang darüber streiten ob es nun "Schmerz empfinden" oder nur "auf Schmerz reagieren + zukünftig Vermeiden" ist.
Ich habe mir nach dem schreiben der bisherigen Zeilen gerade (viel, viel zu viel!) Zeit genommen die verlinkten Quellen (soweit gratis zugänglich, zu lesen) und mich insbesondere auch mit den gegenteiligen Meinungen zu beschäftigen um mir selbst ein umfassendes Bild darüber zu machen:
In einer Quelle/Studie mit dem Titel:
"Why fish do not feel pain" erklärt der Autor Signale die von anderen Forschern als Schmerzsignale gewertet werden, als Verteidigungsstrategien und forschte dahingehend Fischen, beim Menschen schmerz-verursachende Eingriffe zu unterziehen (der Fisch soll also nicht mitbekommen, was den potentiellen Schmerz verusacht hat, noch dass er "ungewöhnlich behandelt wurde), in seinem Fall: "craniotomy" die Entfernung eines Teils des Schädelknochens, der bei Menschen langfristige Schmerzen verursacht.
Aufgrund diesen Eingriffs verursachte Schmerzen konnten in einer anderen Studie auch bei Nagetieren nachgewiesen werden. Verschiedene getestete Fischarten zeigten nach dem Eingriff hingegen keine Veränderung ihrer Verhaltensweisen. Daraus schließt der Autor, dass sie keinen Schmerz empfinden können und geht in weiteren Punkten darauf ein, dass sich viele "vermeintliche" Schmerzreaktion nur angelernte Defensiv/Flucht-Aktionen seien.
Dem entgegen steht eine Studie, in welcher Gruppen von Fischen Bienengift, Essig und eine Kochsalzlösung in den Maulbereich gespritzt wurde. Während die Gruppen mit Fischen denen Bienengift und Essig gespritz wurde eindeutige Verhaltensänderungen zeigten, konnten diese bei den Fischen denen die harmlose Kochsalzlösung gespritzt wurde nicht nachgewiesen werden.
Entsprechend stellt sich mir die Frage ob Fische überhaupt über Schmerzrezeptoren im/um die Region verfügen um den in der "Why fish do not feel pain" Studie durchgeführten Eingriff zu spüren. Wenn Fische keine Schmerz, sondern nur Defensiv-Reaktionen ausführen würden, hätte man diese ja auch nach der Kochsalzinjizierung sehen müssen. Mich überzeugt diese gegenteilige Studie also nicht und auch weitere Studien stützen die Annahme, dass Fische Schmerzen empfinden können:
The basic neural mechanisms that enable the detection of tissue damage, i.e.
nociceptive mechanisms, appear to be broadly conserved from fish through to
birds and mammals, however, there is debate about the extent of the negative
feelings associated with pain and whether these are truly experienced by fish. The
stress response that helps fish to cope with various challenges also appears to be
largely conserved across vertebrates, and the physiological changes that occur
in response to acute and chronic stress in fish are similar to those described for
mammals. Therefore, fish appear to have the innate ability to experience negative
states such as pain and stress in a way analogous to that experienced by other
vertebrates.
Quelle
Eine weitere Frage die sich mir stellt wäre, wie tolerant Fische gegenüber Schmerz sind:
Wir Menschen befinden uns idr. an der Spitze der Nahrungskette. Verletzungen, Schmerzen und Angst um das eigene Leben sind für die meisten Menschen (zumindest hierzulande) nichts alltägliches und werden als etwas "besonderes/ungewöhnliches" wahrgenommen. Ein Fisch lebt und wächst unter deutlich extremeren Bedinungen auf. Gerade ein Kleinfisch befindet sich praktisch permanent in Lebensgefahr gefressen zu werden. Besonders langes "nachdenken" oder gar langanhaltende Traumata nach einer gefährlichen Situation in der man eventuell sogar verletzt wurde kann sich so ein Lebewesen eigentlich garnicht leisten, da an erster Linie das weitere Überleben steht. (Es werden ja ständig Barsche und kleinere Hechte gefangen die trotz frischer, starker Verletzungen offensichtlich noch in Fresslaune waren.)
Das klingt nun wie ein Argument pro C&R ("ist dann ja garnicht so schlimm"), besagt aber eben nicht, dass der Fisch im Augenblick der Verletzung und teilweise noch bis zur Verheilung keinen Stress und Schmerz/Leid spürt (und höchst wahrscheinlich auch empfindet, wenn wir das so genau unterscheiden wollen), nur dass er eventuell damit besser klarkommt, als wir es täten.
Jetzt aber genug zu dem Thema, das waren einige Stunden Freizeit die heute dafür drauf gegangen sind...