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Drei Tage - zwei Sternstunden

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Drei Tage - zwei Sternstunden

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Hecht911

Echo-Orakel
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Zeuthen
Meerforellenangeln an Rügens Außenküste

Mein Atem faucht wie eine alte Dampflok. Dieser Anstieg will einfach kein Ende nehmen. Jede kulinarische Sünde dieses Winters fordert jetzt ihren Tribut und die bittere Erkenntnis, einmal mehr mit einigen Kilogramm Übergewicht in das Frühjahr zu starten, hämmert mit jedem Takt des rasenden Pulsschlags in meinen Schläfen.

Ein verzweifelter Blick nach oben, noch 10 Meter, dann habe ich das obere Ende der Steilküste erreicht. Noch einmal kurz verweilen, tief durchatmen, die Angelrute in meiner linken und den Kescher mit der schweren Last in meiner rechten Hand. Alles schnell neu ausbalancieren, den Hut aus der schweißnassen Stirn ein Stück in den Nacken schieben, dann bin ich bereit und nehme das letzte Steilstück in Angriff.

Völlig außer Atem setze ich den letzten Schritt über die Klippe auf sicheres Terrain.
Was treibt einen Menschen dazu früh morgens, ohne Kaffee und eine Mahlzeit im Magen, derartige Strapazen auf sich zu nehmen?

Meine Antwort auf diese Frage liegt glänzend im Netz meines Unterfangkeschers, drei wunderschöne Silberbarren!
Ein wenig Stolz und ein unbeschreibliches Kribbeln in der Magengegend machen sich in mir breit und verdrängen in wenigen Sekunden die Erinnerungen an den beschwerlichen Aufstieg.

Ich bleibe am Rand der Klippe stehen, drehe mich um und lasse den Blick über die herrlich raue Küste dieser Insel schweifen – Rügen – meine Heimat, für dich schlägt mein Herz, hier fühle ich mich wohl, hier ist mir vieles vertraut!

Tromper Wiek.jpg

Gute 50 Meter unter mir sucht mein Blick noch einmal das Revier ab, dass uns in den letzten drei Tagen zwei wahre Sternstunden der Mehrforellenangelei beschert hat, es hat alles gepasst – der Wind, die Temperaturen, das Gerät und nicht zuletzt die Beißlaune der Fische. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort und das hat, wenn man 350 km von der Küste entfernt wohnt, einfach etwas mit Glück zu tun.

Vor drei Tagen nahm diese schöne und erfolgreiche Tour ihren Anfang, dort unten zwischen den großen Findlingen, etwa 2 Kilometer südöstlich meines derzeitigen Standortes.
Der Puls, der sich von den Mühen des Steilküstenaufstiegs soeben beruhigen wollte,
fängt bei dem Gedanken an die fulminanten Drills der Meerforellen des ersten Tages sofort wieder an zu rasen.
Auf dem ersten Abstieg zum Wasser hatte ich meinem Begleiter noch im Spaß gesagt, wenn die Meerforelle tatsächlich der Fisch der tausend Würfe ist, dann brauche ich nur noch zwei zu machen, denn auf meiner letzten 3-Tages-Tour hatte ich schon 998 erfolglose Würfe abgehakt.
Nun, es waren nach dem Einstieg in das etwa 4 Grad kalte Wasser nicht zwei Würfe, es waren genau fünf, dann war die Rute zum ersten Mal krumm und der erste Silberbarren hatte meinen kupferfarbenen Möre Silda Blinker voll inhaliert. Nach einem kurzen Drill mit zwei Sprüngen und drei kräftigen Fluchten gleitet die erste Meerforelle der Saison in den Kescher.

Mefodrill.jpg

Vor dem nächsten Wurf ließ ich meinen Blick über die Wasserlinie schweifen und zog dabei die würzige Luft tief in meine Lungen - was für ein herrlicher Frühlingstag, mit schönstem Sonnenschein und einem lauen Lüftchen. Das ist Balsam für die Seele nach diesem langen harten Winter. Mein Blick bleibt an einem etwa 60 Meter entfernten Punkt auf dem Wasser hängen, hier bricht sich kaum sichtbar immer mal wieder eine der kleinen Wellen. Ich vermute dort einen großen Stein, peile ihn an und werfe meinen 15 Gramm schweren Blinker genau in diese Richtung. Etwa 2 Meter vor dem anvisierten Ziel schlägt der Blinker ein, der Rollenbügel schließt sich und mit leichten Schlägen der Rutenspitze lasse ich den Blinker tanzen und taumeln. Nach nur etwa 5 Kurbelumdrehungen geht durch die Rute ein Schlag, als hätte der Blitz eingeschlagen und sofort fängt die Rollenbremse wild zu singen an. Eine rasante Flucht folgt der nächsten und der große Fisch schraubt sich immer wieder aus dem Wasser und versucht mit wilden Schlägen des massigen Kopfes den lästigen Haken des Blinkers abzuschütteln.
Mein Begleiter ist inzwischen herbeigeeilt und versucht einen der gewaltigen Sprünge der Meerforelle im Bild festzuhalten. Leider hat die mitgeführte Kamera eine zu große Verzögerung bei der Auslösung, so dass ein erstes Foto des Fisches erst gelingt, nachdem er sicher im Kescher liegt.

Mefo im Kescher.jpg

Diesem traumhaften Fisch folgt dann innerhalb von nur 5 Minuten noch ein weiterer und auch mein Buddy fängt, nachdem er ebenfalls auf einen kupferfarbenen Blinker umgerüstet hat, noch zwei schöne Fische.
Alles was wir uns von dieser Tour erhofft hatten war praktisch schon am ersten Tag, unmittelbar nach der Anreise erreicht.

74 er Mefo.jpg

Dann wechselt urplötzlich der Wind auf Nordost und der Zauber war vorbei.

Das Ergebnis an den beiden darauffolgenden Tagen war dann für mich sehr ernüchternd und schnell war ich aus dem siebten Anglerhimmel wieder zurückgekehrt in die Realität des „eintausend Würfe bis zum Erfolg Angelns“!
Ständig drehender und auffrischender Wind, ein Temperaturrückgang um fast 10 Grad und stark vom Kreideschlamm getrübtes Wasser ließen nur einen Aussteiger unmittelbar vor dem Kescher zu.

Dann kam der Tag der Abreise und es trieb mich noch einmal früh um 6.30 Uhr aus dem Haus. Am Vortag hatte ich einen guten Platz ausgemacht, an dem wollte ich bis zum Frühstück noch einmal die launischen Meerforellen herausfordern.
Die Bedingungen hatten sich wesentlich verbessert, das Wasser war nur leicht eingetrübt, der Wind ging in einer leichten Brise aus Südwest … und dann verlief nach dem Einstieg tatsächlich alles noch einmal wie schon am ersten Tag … in weniger als einer Stunde konnte ich 3 gute Fische ans Ufer führen, einfach ein Traum!

60er Mefo.jpg

Langsam setze ich mich, nun wieder zu Atem gekommen, von der Klippe aus in Richtung des Ferienhauses in Bewegung. Die Bilder der wild kämpfenden Meerforellen und das Geschrei der Möwen begleiten mich auf meinem Weg zu einer Tasse starken Kaffees und frischen Brötchen.

Auch diese Tour wird sich fest in meine Erinnerungen brennen, ich werde sie dort unter dem Titel „Drei Tage – zwei Sternstunden“ abspeichern!
 

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