Fuchur
Dr. Jerkl & Mr. Bait
- Registriert
- 31. Januar 2016
- Beiträge
- 460
- Punkte Reaktionen
- 1.437
Die Geschichte (m)eines Meterhechts
(Teil 1)
Die Anfänge
Meine Anglerlaufbahn begann vor ziemlich genau 30 Jahren. Nachdem ich bereits im Kindergartenalter ständig Angler gespielt hatte und meinen Eltern den Beschluss verkündet hatte, Angler werden zu wollen, kratze ich mit 6 Jahren mein gesamtes Taschengeld zusammen, um mir für 20 DM ein Kinderangelset zu kaufen, dass ich in einem Supermarkt entdeckte – es war eine rote 1,60 m Fiberglasrute mit einer Plastikrolle und ein bisschen Zubehör. Woher meine Faszination fürs Angeln kam, konnte sich niemand erklären, da es weder in meiner Verwandtschaft, noch in meinem Freundeskreis Angler gab. Trotzdem stand ich leidenschaftlich auf dem Balkon, während meine Mutter unten Plastikfische an meine Spielzeugangel befestigen musste, damit ich sie hochziehen konnte. Oder ich sprang beim Versuch, eine kleine Insel zu erreichen, mitten in einen Bach, denn „Angler machen das so, die stehen immer auf einer Insel!“. Vielleicht stammt ja meine Begeisterung von Janoschs „Der kleine Bär und der kleine Tiger“, denn hier geht der kleine Bär ja auch immer Fische fangen.
Mit meiner „echten Angel“ begleitete ich in den kommenden Jahren ab und zu einen Freund der Familie an dessen Privat-Weiher. Hier fingen wir Karpfen auf Schwimmbrot, und jeder Angeltag war ein echtes Highlight für mich. Als ich acht oder neun Jahre alt war, bekam ich „Die Große Angelenzyklopädie“ geschenkt, ein Wälzer mit über 300 Seiten, den ich regelrecht verschlang. Zugegebenermaßen: Die meisten der Tipps und Techniken dieses ziemlich technischen Buchs waren für mich als Jungangler schwer verständlich oder mangels entsprechender Ausrüstung nicht umsetzbar, aber ich liebte dieses Buch. Und so lernte ich doch einiges dazu, und manches Zitat brannte sich förmlich in meine Gehirnwindungen ein, beispielsweise: „Die größten Hechte werden oft in den ersten Frosttagen gefangen“.

Der nächste Meilenstein war mein zehnter Geburtstag. Ich durfte in den Angelverein eintreten. Zugegeben, die Anfänge waren hart. Als Jugendfischereischeininhaber braucht man in Bayern einen erwachsenen Angler als „Aufsicht“, darf also nicht alleine angeln. Da ich aber keine anderen Angler kannte, radelte ich immer auf gut Glück die 5 km zu den Vereinsgewässern, in der Hoffnung dort jemanden zu treffen, der für mich die Aufsicht übernahm. Im ersten Jahr fing ich trotz vieler Versuche genau zwei Fische: zwei Barsche mit einem Gesamtgewicht von 0,1 kg. Doch es lief mit der Zeit immer besser, und schnell war mein größter Wunsch klar: ein Hecht.
Lehrjahre
Bald lernte ich einige nette erwachsene Angler kennen, die mich öfters mitnahmen, und die mir fast schon mystisch anmutende Geschichten von vergangenen Fängen erzählten. Da war zum Bespiel Peter, der in 40 Angeljahren bereits drei mal den Meter geknackt hatte, eine für mich unvorstellbare Leistung. Oder Gerhard, der mich regelmäßig zu Gewässern mitnahm, die für mich mit dem Radl nicht erreichbar waren, und der einen 90er Hecht auf Gummifisch fing. Meistens machten wir damals Ansitz mit toten Köderfischen. Bei einer solchen Gelegenheit sollte ich meinen allerersten Hecht fangen. Ich hatte einen Köderfischeimer mit einem Gittereinsatz, mit dem man die Köderfische im Gewässer hältern konnte. Eines Tages beobachteten wir einen Hecht, der immer wieder von außen diesen Gittereinsatz attackierte, offenbar, um an die Köderfische im Inneren zu kommen. Vorsichtig platzierte mein Mitangler (ich war viel zu aufgeregt) meine Posenmontage direkt neben dem Hecht, welcher den Köderfisch sofort packte. Ich wartete mit dem Anhieb eine gefühlte Ewigkeit, um ja nicht den Biss zu versemmeln. Dieses Erlebnis, und den 63er Hecht, den wir kurz darauf keschern konnten, werde ich nie vergessen. Es folgte eine steile Lernkurve, und als ich mit 14 die Fischerprüfung machte, durfte ich endlich alleine losziehen, und so entdeckte ich die aktiveren Angelmethoden: Spinnfischen, hautpsächlich mit Gummifisch oder Drachkowitch-System. Es gab immer mehr Tage mit (Fehl-)bissen und sogar den einen oder anderen Fang. Meine geliebten Mann’s Gummifische hebe ich seit 20 Jahren auf, zeugen die Zahnabdrücke doch von vielen unvergesslichen Attacken.

Doch es zeichnete sich ab, dass in den Gewässern, die für mich erreichbar waren, Hechte bis Mitte/Ende 60 cm das obere Ende der Fahnenstange bildeten. Größere Fische bekam man nur äußerst selten zu Gesicht. Ihr kennt das ja: viele Vereinsmitglieder, relativ kleine Baggerweiher, und Entnahmepflicht sind nicht gerade Idealbedingungen für kapitale Fische. Und natürlich sehnt man sich immer nach dem Unerreichbaren: Ein Meterhecht war damals schon mein großer Traum.
Auf zu neuen Ufern
Zum Studieren zog ich nach Freising, nördlich von München. Dort trat ich einem kleinen Verein bei und lernte einen Studienkollegen kennen, der sich als genauso angelverrückt wie ich entpuppte. Die meisten Vereinsmitglieder beschränkten ihre fischereiliche Aktivität auf die zahlreichen Satzforellen, die sich in zwei der drei Vereinsgewässern tummelten. Auf Raubfisch ging so gut wie niemand, und so konnten wir uns an einem (für bayerische Verhältnisse) exzellenten Hechtbestand erfreuen. Lediglich ein alter Hase, der „Hechthans“, zog ab und zu mit der Spinnrute los, und zeigte uns Fotos von zwei Hechten über 1,20 m, die er schon fangen konnte. Es gab beim Spinnfischen fast keine Schneidertage, an manchen Standplätzen konnten wir fast schon auf Ansage fangen. Die Frequenz stimmte also – an einem Nachmittag fing ich beispielsweise auf ein und dieselbe Laube am Drachkowitch-System sechs Hechte in 90 Minuten. Auch die Größe der Hechte in unserem Gewässer war besser, vermutlich aufgrund des Forellenbesatzes. Man konnte bei Hechten über 70 cm einen deutlich massiveren Körperbau feststellen, den wir damit erklärten, dass die Hechte ab dieser Größe Satzforellen fressen konnten, und somit gut genährt waren. 2013 fing ich dann einen 83 cm Hecht auf einen 18 cm Slottershad in Motoroil, und mein Angelfreund fing im gleichen Jahr einen 90er auf einen 9 cm no-name Gummifisch. 2014 kam es dann noch besser: mein Angelfreund konnte im strömenden Regen auf Zaltwobbler einen 104 cm Hecht vom Ufer fangen, und mir gelang im Oktober desselben Jahres erst der Fang eines 92er Hechts, und im Dezember folgte ein 97er auf einen 12 cm Attractor von Profiblinker. Diesen Fisch maßen wir mindestens dreimal, da wir sicher waren, dass der Meter geknackt war, aber das Maßband blieb hartnäckig bei 97. Die Freude war trotzdem riesig, und dieser Hecht sollte elf Jahre lang mein PB bleiben.




