News Norwegen: Wandern, Staunen, Angeln…
Moin Leute, im letzten Herbst, genauer im Oktober 2025, habe ich mir einen lange gehegten Wunsch erfüllt: eine abenteuerliche Reise nach Norwegen. Da Reiseberichte sich hier einer gewissen Beliebtheit erfreuen und weil die Angelei dabei auch eine (wenn auch keine allzu große) Rolle spielte, möchte ich euch hier an meinen Erfahrungen und Erlebnissen teilhaben lassen. Einzelne Bilder habe ich bereits im Forum geteilt, das hier ist sozusagen die Langfassung.
Am ersten Tag bin ich, nachdem ich meine Tochter zur Schule gebracht hatte, direkt losgefahren, sodass ich am Abend nach etwa 1050km in Norwegen ankam (ohne Schiff o.Ä., einfach über Land). Es war dann gar nicht so leicht, südlich von Oslo im Dunkeln eine Stelle zu finden, an der ich gefahrlos zelten kann, ich wollte mich ja nicht direkt an die Straße stellen und es ist dort noch relativ zersiedelt. Aber irgendwann war es dann so weit und ich konnte mich erstmal ausruhen.
Weil ich am Vortag schon so viel Strecke geschafft hatte, war mein Weg an Tag 2 gar nicht mehr so weit und schon nach wenigen Stunden sah ich in der Ferne die ersten schneebedeckten Berge.
Dem Herren Expeditionsleiter wurde bei dem Anblick ein wenig mulmig, aber die Entscheidung, das durchzuziehen, war nun einmal getroffen. Landschaftlich wurde es zusehends kärger. Und kälter wurde es auch.
Ich hätte fast ein paar Orks erwartet, aber die kamen nicht. War auch besser so, immerhin war ich auf Trolle aus.
Dann, nach einer weiteren Dreiviertelstunde Fahrt, kam ich endlich an dem See an, den ich umwandern wollte: dem Gjendesee!
Weil es erst 16.30 war, setzte ich mir, nachdem ich das Auto 2,5km vom Wanderweg entfernt abgestellt hatte (ich wusste nicht, ob ich da stehen darf, aber der offizielle Wanderparkplatz war saisonbedingt schon geschlossen und es war weit und breit kein Mensch zu sehen, den ich hätte fragen können), den 30kg schweren Rucksack auf den Rücken (leichter hab ich ihn nicht bekommen) und machte mich auf den Weg. Immerhin wollte ich am nächsten Tag 14km durchs Gebirge wuppen, da konnte es nicht schaden, am Vorabend schon einen Teil der Strecke gegangen zu sein. Dachte ich mir und schlug ein paar hundert Meter oberhalb des kleinen Örtchens zum zweiten Mal mein Zelt auf.
Am nächsten Morgen ging es dann nach dem Zusammenpacken, was mit Frühstück u. Kaffee insgesamt immer so eine Stunde in Anspruch nahm, weiter bergauf. Am ersten kleinen Bach wusch ich mich dann erstmal, bevor es weiter ging. Und weiter. Das Gewicht auf meinem Rücken bremste mich spürbar aus, was besonders deutlich wurde, wenn ich den Rucksack mal absetzte. Dann flog ich förmlich den Berg hinauf (aber zum Glück nicht hinunter), während ich ansonsten schon nach wenigen Metern zu keuchen begann. Langsam, aber stetig, ging es voran.
Irgendwann, ich muss schon ein paar Stunden unterwegs gewesen sein, erreichte ich dann eine Hochebene, die so ziemlich das kärgste ist, was ich jemals gesehen habe. Fast schon surreal.
Wie ihr sehen könnt, war ich völlig alleine und es sollte auch noch einige Stunden dauern, ehe ich an diesem Tag die einzigen 5 Menschen sehen sollte, die mir begegneten.
Als ich sah, wie weit ich mittlerweile über dem Startpunkt war, erfüllte mich das schon auch mit Stolz .
Gut zu erkennen ist die Straße, die durch das Gebirge führt, und am linken Bildrand, die paar hellen Punkte an der Straße, sind Ferienhütten. Dort hatte ich am Vortag mein Auto abgestellt.
Irgendwo da oben, am höchsten Punkt der gesamten Tour, gab es eine Graphik bzgl. des Tourenverlaufs.
Da sah ich, dass vor mir ein ziemlich steiler Abstieg liegen würde. „Muss ja irgendwie gehen“, dachte ich mir in meinem jugendlichen Leichtsinn. Ich war ja erst 37.
Ich weiß nicht mehr genau, wie spät es war, aber es musste bereits Nachmittag sein, als ich das Highlight der gesamten Tour erreichte: Den Besseggenpass:
Links ist der Gjendesee, der See rechts heißt Bessvatnet. Zwischen den beiden liegen 400 Höhenmeter und der Pfad verläuft über den schmalen Grat dazwischen.
Jaha, genau: da musste ich runter! Circa 250 Höhenmeter auf kurzer Distanz.
Es war eine wirklich schlimme Kraxelei, weil ich ja 110kg wog. Teilweise war der Weg so steil, dass ich nur mit den Händen im Gestein hing und mit dem Fuß einen Grat suchte, auf dem ich stehen kann. Erschwert wurde es dadurch, dass ich auf dem Weg nach unten etwa 3x vom markierten Pfad abkam und irgendwie seitlich am Berg hing.
Außerdem war es wirklich stürmisch, in Böen Bft 10, würde ich sagen.
Die Bilder lassen nur erahnen, wie schwierig diese Passage war, die mich sehr viel Zeit kostete.
Als ich endlich unten ankam, war es ca. 17 Uhr und ich war so fertig, dass ich einfach mein Lager aufbaute und für 2h in meinem Schlafsack verschwand, um mich auszuruhen und aufzuwärmen. Ich glaube, ich war in meinem Leben noch nie so erschöpft und konnte weder lesen noch schlafen. Einfach nur daliegen und warten. Glücklicherweise gab es eine zum Zelten geeignete Stelle, die halbwegs windgeschützt war und kurz vor Einbruch der Nacht war ich so weit wiederhergestellt, dass ich mir was zu Essen machen konnte.
So verbrachte ich die dritte Nacht der Reise direkt auf dem Besseggenpass, in 1400m Höhe.
Nachts heulte der Sturm und es fiel auch ein wenig Schnee. Einmal hörte ich ein Geräusch, das nach entferntem Hundegebell klang, ich schob das aber schnell auf meine Erschöpfung und die Geräuschkulisse.
Am nächsten Morgen hatte sich das bis dahin perfekte Wetter etwas eingetrübt, doch nach etwa einer Stunde klarte es auf. Mein Tagesziel war die Memurubuhütte (eigentlich das Ziel des Vortags, aber statt der angestrebten 14km hatte ich „nur“ 9km geschafft).
Kurz nach dem Aufbruch sah ich dann in einer Senke eine kleine Wanderergruppe beim Abbrechen ihres Lagers, und tatsächlich: da war ein Hund! Ich hatte mich also nicht getäuscht, aber ich frage mich bis heute, wie man mit einem Hund diese Steigungen überwindet. Anseilen?
Die Landschaft war atemberaubend und ich verlor mich fast in dieser menschenleeren und grenzenlosen Weite.
Wie ihr vielleicht auf einem der ersten Bilder gesehen habt, lagen die Fähren des Sees saisonbedingt bereits im Trockendock. Normalerweise verkehren diese zwischen Gjendesheim (meinem Startpunkt), der Memurubuhütte und der Gjendebu-Hütte ganz am Ende des Sees. Diese Fähren wären mein Backup gewesen. In der Vorbereitung sagte ich mir: sollte unterwegs etwas schiefgehen, kann ich immer noch zu einer dieser Hütten (zurück) und von dort aus bequem zum Startpunkt gelangen. Diese Sicherheit gab es nun nicht mehr.
Außerdem gab es am Vortag nicht nur eine gefahrvolle Situation und ich dachte mir zudem noch: du musst nichtmal abstürzen. Solange du in Bewegung bist, fühlst du die Kälte nicht, aber sobald du eine Minute stehst entzieht dir der eisige Wind sofort Körperwärme. Wenn du dir nur den Knöchel verstauchst und nicht mehr laufen kannst, könntest du erfroren sein, ehe die Bergrettung dich findet.
Diese Überlegungen und mein langsames Tempo führten dazu, dass ich meinen Plan, den See einmal komplett zu umrunden (was auf der gegenüberliegenden Uferseite einen mehrtägigen Marsch hinter der Bergkette auf einer nicht markierten Route bedeutet hätte) über den Haufen warf, um auf einem Pfad direkt am Seeufer zurückzugehen.
Wie scheinbar das ganze Land, so war auch der umfangreiche Hüttenkomplex komplett menschenleer. Immerhin fand ich einen Mülleimer, um das, was sich in zweieinhalb Tagen an leeren Tüten etc. so ansammelt, loswerden zu können.
Weil es noch so früh am Tage war, lief ich nach einer kurzen Rast Richtung Gjendesheim (ca. 11km) los. Der Uferpfad erwies sich dabei als ebenfalls nicht ganz einfach. Er war ziemlich schmal, bis max. 40cm, und ebenfalls nicht frei von Steigungen. Links und rechts erstreckte sich Niederwald mit reichlich Unterholz (rechts war mitunter auch einfach ein Abhang hin zum Seeufer), sodass ich erst nach ca. 2,5 Stunden auf eine Stelle stieß, an der ich zelten konnte. Es war zwar erst 16.30 und ich hätte noch 1,5h gehen können, aber da ich nicht wusste, ob ich rechtzeitig zum nächsten Lagerplatz kommen würde und auf gar keinen Fall im Dunkeln gehen wollte, schlug ich mein Lager auf für die 4. Nacht.
Nachts wurde es empfindlich kälter und am nächsten Morgen war ich eingeschneit. Ihr könnt euch sicher denken, wie froh ich war, nicht mehr auf dem Bergkamm unterwegs zu sein. Auch die Entscheidung, so früh gezeltet zu haben, sollte ich nicht bereuen, denn es dauerte mehrere Stunden, ehe ich zum nächsten geeigneten Platz kam.
An dieser Stelle hatte ich mich soweit warmgelaufen, dass ich beschloss, mich im See zu waschen. Die 0°C störten mich nicht so, immerhin schien die Sonne und der Wind blies nur mäßig – und frischte natürlich genau in dem Moment deutlich spürbar auf, als ich ins Wasser ging. Brrr…
Da, ganz hinten am Seeausgang, erkennt man übrigens mein Ziel
Zwischendurch kam es mir so vor, als käme ich überhaupt nicht voran. Die Steigungen waren teilweise wirklich nochmal heftig, das Highlight diesbezüglich war ein vereister Felsen, den ich hinaufmusste. Direkt hinter mir 80m Abhang bis zum Seeufer. Ich fasste einen Stein, um mich hochzuziehen, aber dieser kam mir entgegen. Ich schob ihn vorsichtig zurück und beglückwünschte mich, erstmal dessen Sicherheit getestet zu haben.
Je weiter ich kam, umso mehr drängte sich die Frage auf, ob wohl mein Auto noch da stand. Und tatsächlich: um 16.30 erreichte ich überglücklich und nur leicht lädiert mein gänzlich unversehrtes Gefährt. Somit endete der erste Teil meiner Reise.
Nun standen mir noch einige Angeltage am Fjord bevor. Allerdings erschien mir die Möglichkeit, wenigstens eine Nacht in einem Zimmer mit Bett, Dusche und abschließbarer Tür zu verbringen, so verlockend, dass ich mir in Fagernes ein Hotelzimmer buchte. Immerhin war die Reise ja ansonsten recht preiswert Gut schlafen konnte ich allerdings tatsächlich nicht, weil mir das Zimmer viel zu warm erschien. Erstaunlich auch, wie schnell man sich an sowas gewöhnen kann.
Nachdem ich kurz mit dem maßgeblichen Anwohner einer nahegelegenen Ansammlung von Häusern geklärt hatte, dass ich nun ein paar Tage mein Zelt in der Nähe aufschlage, machte ich mich sofort daran, mein Lager aufzubauen.Am gleichen Abend musste ich natürlich angeln und das gestaltete sich gar nicht so leicht wie im Vorjahr, wo wir richtig Frequenz und in 30 Minuten 4 gute Pollacks hatten.
Aber nach einiger Zeit hatte ich doch einen guten Biss und kurz darauf den dazugehörigen guten Fisch:
Der Pollack hatte 60cm und ich hatte am Abend ein wenig Mühe, den ganzen Fisch zu essen, aber es ging dann doch. In den nächsten Tagen hatte ich noch einige von der Sorte und erholte mich zusehends von den vorangegangenen Strapazen, sodass alles, was blieb, eine so tiefe Ruhe und Entspanntheit waren, dass ich mir kaum vorstellen konnte, dass mich jemals wieder irgendetwas aufregen würde. Die Tage flossen dahin und ich genoss einfach, dort zu sein.
Das Wetter war zwar nicht mehr so schön wie zu Beginn der Reise, aber das hinderte mich nicht daran, die Gegend ein wenig zu erwandern.
Viel zu schnell vergingen die Tage. Ich habe lange darüber nachgedacht, warum ich diese innere Ruhe zu Hause so selten finde und denke, dass es einerseits daran liegt, dass ich kaum Menschen gesehen habe (und mit mir komme ich offenbar ziemlich gut aus).
Andererseits gab es dort kaum Dinge, die ich tun MUSSTE. Es waren, wenn ich genau darüber nachdenke, im Wesentlichen 4 Dinge: heil vom Fels kommen, vor Einbruch der Dunkelheit einen geeigneten Lagerplatz finden, Wasser beschaffen und Essen machen. Der ganze Rest ergab sich daraus.
Das sind ganz basale Voraussetzungen, die man im Zweifel auch ohne Großhirn versteht, sodass die grauen Zellen wortwörtlich Urlaub hatten. Durch den Mangel an künstlichem Licht wurde ich auch viel früher müde als zu Hause. In der Regel ging ich gegen 20.30 schlafen (also im Schlafsack lag ich schon vorher, hab aber noch gelesen. Sinnigerweise „Die Straße“ von Cormack McCarthy) und stand so gegen 7 auf, wenn es langsam hell wurde.
Schade, dass dies im Alltag so selten möglich ist.
Für den Rückweg plante ich dann wiederum 2 Tage ein, auch unterwegs gab es noch ein paar hübsche Fotomotive. Vorausgesetzt, man mag es weniger bunt :-D
